Sonne, Stars und Bestenlisten

In einem Jahr, in dem wirklich kaum etwas gut war, konnte wenigstens übers Kino nicht geklagt werden. Angefangen von Joel Coens „The Tragedy of Macbeth“ im Januar über Julian Radlmaiers Wonnemonat-Mai-Beitrag „Blutsauger“ bis zu Iñárritus „Bardo“ aus dem Dezember gab es ein lange Reihe veritabler Highlights. Und nun kommt mit Kurdwin Ayubs bereits auf der Berlinale gefeiertem Debut „Sonne“ ein weiterer formal wie inhaltlich überzeugender Hit in die Kinos. Mehr lesen

Kannibalen und Spinner

Vom Verlorensein des Heranwachsens lässt sich auf ganz unterschiedliche Arten erzählen. Luca Guadagnino hat sich vor allem mit „Call me by your Name“ als Meister dieses Fachs erwiesen. Auch im aktuellen Wurf „Bones and All“ umkreist er einfühlsam eine aufkeimende Liebe. Diesmal jedoch sind die Protagonisten keine wohlsituierten Akademikersprößlinge, sondern gehören der ländlichen weißen amerikanischen Unterklasse an. Erschwert wird ihr sowieso nicht ganz einfaches white trash-Dasein zusätzlich durch eine weitere Besonderheit: Sie sind „Esser“. Durch den ererbten Hunger nach Menschenfleisch sind sie als schlechthin anders und nicht akzeptabel gebrandmarkt. Mehr lesen

Unscharfe Ränder, brennende Scheinwerfer

Mit „Bardo – Die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ kehrt Alejandro G. Iñárritu nach sieben Jahren auf die große Leinwand zurück. Von der internationalen Filmkritik nach der Premiere in Cannes des überbordenden Narzissmus gescholten ist sein Film eine tripartige Achterbahnfahrt an den Rändern von Bewusstsein, Kunst und Leben. Ein seltenes Meisterwerk – und das erste Kapitel eines so großen wie wahrscheinlich zufälligen Netflix-All-American-Movie. Mehr lesen

Verdichtung statt Spektakel

Die Entführung Jan Philipp Reemtsmas im Jahr 1996 ist einer der spektakulären Kriminalfälle in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Entführungsopfer selbst hat seine Erinnerungen an die Zeit der Gefangenschaft in seinem Buch „Im Keller“ geschildert. 2018 machte sein Sohn Johann Scheerer sein damaliges Erleben unter dem Titel „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ öffentlich. Diesen Blick durch die Augen eines Heranwachsenden aufs Geschehen hat nun Hans-Christian Schmid verfilmt. Mehr lesen

Waldes Dunkel

Der deutsche Wald ist von jeher Sinnbild des Dunklen, Verbotenen und der Gefahr. In Grimm’schen Märchen werden hier die Kinder ausgesetzt, die kaputte Familien nicht mehr ernähren können oder wollen. Und hier wohnt das Böse in Gestalt der Hexe oder des Wolfs, Figuren, die je nach Kontext auch anders gedeutet werden können: etwa als Opfer von Verfolgung und Auslöschung. Mit „Schweigend steht der Wald“ liefert Saralisa Volm in ihrer ersten Regiearbeit einen eindrücklichen Beitrag. Mehr lesen

Grimmige Zeiten, Genossen!

Archaische Muster von Größenwahn, Rache und Mordlust bestimmen die Welt direkt wie lang nicht mehr. Und das nicht nur da, wo sich skrupellose Cliquen alter weißer Männern mangels ihnen vorstellbarer besserer Alternativen mit Händen und Klauen an der Macht halten. Mit Tauschwert und Geld als Zentrum selbst der intimsten menschlichen Beziehungen ist kein Außen des allumfassenden Krisenzusammenhangs mehr vorstellbar. Davon erzählt plakativ der diesjährige Cannes-Gewinnerfilm „Triangle of Sadness“. Mehr lesen