„Violent, ugly, politically incorrect and hilarious“ nennt The Australian laut Company-Website die Neubearbeitung von „Enter Achilles“, mit der Choreograf Lloyd Newson sein Stück von 1995 zurück auf die (Tanz-)Bühnen der Welt bringt. Ein Kritiker des Daily Telegraph urteilt (nach derselben Quelle und sehr zu Recht): „A rare, rich, devastating, triumphant work of art … dramatic coherence, human integrity, irresistible visual power, were all there in the most outstanding work I have seen all year.“

Milieustudie mit Witz und Unterhaltungswert

Dass sich einer Milieustudie zum bekanntermaßen eher unschönen Thema allerdings dermaßen viel Witz, Unterhaltungswert und – tatsächlich – auch Schönheit abgewinnen lassen, liegt nicht von vornherein auf der Hand.

Obwohl es – so berichtet der Choreograf im Interview im Programmheft – aller positiven Resonanz zum Trotz auch zumindest eine (klar: weibliche) Stimme gegeben haben soll, die fand, das im Stück gezeichnete Porträt des Mannes sei „zu schlimm, um wahr zu sein“, hat Newson sein Material vergleichsweise tief innerhalb der Normalität gesellschaftlicher Komfortzonen gefunden.

Material aus der gesellschaftlichen Komfortzone

Im Gegensatz zu Theweleit nimmt er nicht etwa Briefe von protofaschistischen Freikorpssoldaten zum Ausgangspunkt seiner Arbeit, sondern das allabendliche Pubverhalten typischer weißer Mittelschichtengländer.

nimmt er nicht etwa Briefe von protofaschistischen Freikorpssoldaten zum Ausgangspunkt seiner Arbeit, sondern das allabendliche Pubverhalten typischer weißer Mittelschichtengländer.

„‚Enter Achilles‘ feiert den Humor, den Spaß und die Kameradschaft, die viele Männer – im speziellen Männer der Arbeiterklasse – genießen und zeigt, wie Alkohol eine bedeutende Rolle in ihrer Verbundenheit einnimmt und zugleich als Katalysator für Gewalt dient“, sagt Newson.

Und weiter: „Das Stück erforscht, was eine Gruppe von Männern eint und was sie trennt; wovon sie meinen, es mit anderen teilen zu können und wovon nicht. Es wirft einen Blick auf die Verletzlichkeit, die Herdenmentalität und darauf, wie Männer, ebendiese Männer, die Schwächen und Abweichungen eines anderen von der als gemeinhin traditionell verstandenen maskulinen Norm überwachen.“

Körperlich bis in den eigenen Bauch

In die körperliche Sprache seines physical theatre umgesetzt verliert dieser Ansatz allerdings schnell die Harmlosigkeit, die er gegenüber dem der Theorie und Schrift zunächst zu haben scheint.

Elemente aus Schauspiel, Akrobatik, Gesang, Comedy, Fußball, Dialekt und Tanz verbinden sich zu einem Sound-Bild-Ganzen, das das Publikum überwältigt und abwechselnd einlullt und abstößt – und jedenfalls ganz direkt in die Körperzustände der Zuschauer_innen eingreift, was sich an spontanen Äußerungen von Szenenapplaus bis zu spitzen Schreien bemerkbar macht. Und selbstverständlich im eigenen Bauch.