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Ende des Kapitalismus und neuester deutscher Film

Wo ließe es sich trefflicher aufs Ende des Kapitalismus warten als im Kino? Insbesondere dann, wenn ein Debut wie „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich anläuft, für den die Schriftstellerin und Filmemacherin in diesem Jahr den Max-Ophüls-Preis gewonnen hat.

Ihr viel gepriesener Film (siehe etwa die Besprechungen von Andreas Busche im Tagesspiegel, Daniel Kothenschulte in der FR oder Hannah Pilarczyk im Spiegel) macht in gewisser Weise da weiter, wo das jüngste deutsche Kino mit Julian Radlmaiers „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ im vorletzten Jahr aufgehört hat (hierzu Thomas Assheuer in der Zeit, der sich zu Beginn seiner Rezension erstmal etwas umständlich von den Grauen, die das Wort Kommunismus heraufbeschwören soll distanzieren muss, um zum Thema zu finden).

In 15 akribisch arrangierten Tableaus legt das namenlose melancholische Mädchen seine strukturelle Depression dar, (re)zitiert Theorie und Literatur oder lässt sich, nicht zuletzt da derzeit wohnungslos, von verschiedenen Männern ansprechen und mit nach Hause nehmen.

Handlung im herkömmlichen Sinn ist dem Film ebenso verzichtbar wie das Angebot zur Identifikation. Als wesentliches Merkmal unserer neoliberalen Zeit und damit der Position eines jeden melancholischen Mädchens wird benannt, dass die Katastrophe immer schon stattgefunden hat.

Dass es dennoch manchmal zu Sex, keinesfalls aber zu romantischer Liebe kommt, versteht sich in Zeiten von Selbstmanagement, Neo-Biedermeier und totaler diskursiver Durchdringung allen Begehrens von selbst.


Praktizierter Feminismus

Was sich nicht von selbst versteht und einen guten Teil zur Wirkung wie zur Komik des Films beiträgt, ist die konsequente Umkehrung des Blicks, die hier praktiziert wird. So wird das melancholische Mädchen zur Marke, wenn nicht Ikone stilisiert und meist in statischen Großaufnahmen in den Bildmittelpunkt gerückt; von hier aus beherrscht es die ganz in rosa und hellblau getauchte Leinwand beim Sprechen, Singen oder Essen.

Männer dagegen werden am liebsten von leicht oben auf Betten liegend und in aufreizenden Posen oder im Anschnitt mit Fokus auf ihr Geschlechtsteil gezeigt. So spricht der Film nicht nur modisch von Feminismus, sondern bedient sich seiner auch programmatisch im Sinne einer Poetologie.

Dass bei aller filmischen Selbstreflexivität und Kenntnis der vielen auf dem Markt erhältlichen Theorien – Akzelerationismus wird als zeitgemäßes Konversationsthema auf Ausstellungseröffnungen empfohlen – das Ende der Notwendigkeit von Warenförmigkeit, Selbstvermarktung, Zynismus und Depression noch auf sich warten lassen wird, weiß auch „Das melancholische Mädchen“. Aber – wie gesagt – es unterhält und lenkt die Aufmerksamkeit auf einige Punkte, die sonst immer noch zu häufig im Schatten übermächtiger Konventionen verborgen bleiben.