Auch Werber arbeiten dann und wann für eine bessere Welt. Derzeit wohl bekanntestes – und seit einigen Tagen als Verfilmung auch Oscar-prämiertes – Beispiel: René Saavedra mit seiner Kampagne zur Verhinderung einer weiteren Amtszeit für Augusto Pinochet in Chile 1988. Man lade das No! mit Happiness-Attributen aus dem neoliberalen Werbebaukasten auf und verkaufe die Demokratie als großes Glücksversprechen. Und schon geht das Regime in die Knie. Vor den Werkzeugen, die es selbst ins Land geholt und aufgebaut hat, und nicht etwa vor der Wut der 15 Jahre lang unterdrückten Bevöllkerung. (Um den Oscar zu gewinnen, besetze man dann noch René Saavedra mit Gael García Bernal.)

Aber auch Texter texten bisweilen Beeindruckendes mit gehörigem impact. So Kathrine Taylor, die als Copywriter in der Agentur ihres Mannes arbeitete und 1938 beim New Yorker Story Magazine unter dem Pseudonyme Kressmann Taylor den sehr kurzen aber umso hellsichtigeren Briefroman „Address Unknown“ veröffentlichte. In einer Besprechung der New York Times Book Review von 1939 heißt es – wie Lois Rosenthal, die Herausgeberin von Story im Nachwort der seit 2000 vorliegenden deutschen Ausgabe schreibt: „Diese moderne Geschichte ist die Perfektion selbst. Sie ist die stärkste Anklage gegen den Nationalsozialismus, die man sich in der Literatur vorstellen kann.“ Womit sie nicht ganz unrecht hat.

Elke Heidenreich darf ergänzen: „Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt. Ohne Umschweife werden exemplarische Lebensgeschichten erzählt, wird Zeitgeschichte [der Jahre 1932 und 33] dokumentiert. Der Jude ist kein Gutmensch, der sich alles bieten lässt, sondern liefert die Mörder selbst ans Messer, und: Der Deutsche ist kein sadistischer Unhold, sondern ein opportunes [oder eher: opportunistisches?, Entschuldigung … ] Würstchen. Wenn es auf Leben und Tod geht, das zeigt die Autorin, dann geht es nur noch ums Überleben. […] Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben. »Adressat unbekannt« sollte Schullektüre werden, Pflichtlektüre für Studenten, es sollte in den Zeitungen abgedruckt und in den Cafés diskutiert werden.“ Das sollte es auf jeden Fall.

Und wie gesagt: Das Buch erschien 1938. Als hierzulande bekanntlich noch niemand auch nur ahnen konnte, was vorging.

Über das ebenfalls spannende Thema, wie durch Werbung die kapitalistischen Verhältnisse der späten 1950er Jahre überwunden werden sollten, und über Marcel Mariëns »Théorie de la révolution mondiale immédiate« mit ihrem »Freizeitclub« kann man einstweilen im Jungle World-Archiv bei Holm Friebe nachlesen.