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Tag "Zipolite"

Freitag, 14. Dezember 2012

Nachdem die Zeiten der euphorischen Verschränkung von Nachtlebenkultur und Selbstausbeutung in so genannten kreativwirtschaftlichen Nischen zumindest für die ersten beiden Generationen allmählich vorbei scheinen, geht der Trend bei gereiften Protagonisten ganz offensichtlich zu neuen Formen von Freizeit-Buddhismus und Neo Schamanentum.

Hatte es Avi im Privaten bereits seit Jahren verwundert, dass einstmals politisch wache Köpfe sich seit Ende der Neunziger darauf verlegten, ihren Reise- und Lebenshedonismus (um deren ungefiltertes Ausleben man sie unter Umständen noch hätte beneiden können) mit krudesten Weltverschwörungstheorien kurzzuschließen, so war jetzt offensichtlich die nächste Welle im Anrollen: Lebensberichte von zu Neo Schamanen bekehrten Ex-Art-Direktoren mitten aus dem Zentrum der Agenturlandschaft. Und mit einiger Sicherheit konnte man annehmen, dass das, was Harald Renkel und andere bisher im Selbstverlag herausgaben, schnell auch von Publikumsverlagen als aktuelles Update eigentlich überholt geglaubter Trends entdeckt und breit vermarktet werden würde. Man google dazu bei Interesse selbst.

Oder – besser – man beschäftige sich mit der anderen Seite. In der Jungle World findet sich diese Woche ein interessantes Interview mit zwei Mitgliedern von Crimethinc, einem dezentralen anarchistischen Kollektiv, das sich unter anderem Gedanken darüber macht, wie in nachrevolutionärer Zeit mit Call Centern und anderen Auswüchsen des derzeitigen Kapitalismus umgegangen werden soll: “Das wird ganz anders aussehen als in den Phantasien der Leute vor hundert Jahren, als die Idee war, dass wir einfach die Fabriken für uns arbeiten lassen, dass wir einfach weiter Waren produzieren. Heute, da immer mehr Leute Dinge tun, die außerhalb des kapitalistischen Rahmens keinen Sinn ergeben wie beispielsweise Telefonmarketing, wird die Beschlagnahmung der Produktion tatsächlich viel destruktiver aussehen. … Es gibt keine natürliche Welt, zu der man zurückkehren könnte. Es wird keine primitivistische Zukunft gebeben, sondern eine Steampunk-Zukunft, in der all die vom Kapitalismus produzierten Trümmer einem Nutzen zugeführt werden.”

Im Gegensatz zum esoterischen Rollback in Berlin Mitte gibt es hier jedenfalls eine ganze Menge Bewusstsein in Bezug auf einige die Gegenwart prägenden Realitäten wie die mannigfaltigen Arten der Vergesellschaftung inmitten gleichzeitig existierender und zu überwindender Widersprüche. Vor allem aber dafür, dass die Inseln, auf denen sich von Dingen wie dem Ausstieg ins Schamanentum halluzinieren lässt, enger werden und umkämpfter. Was dann eben auch heißt, dass Felder, auf denen es keine Emanzipation, keine Revolution und keinen Fortschritt gibt, vom Faschismus besetzt werden können. Nachzulesen demnächst hier.

Apropos nachlesen. Hier noch der erweiterte Teaser zu irgendetwas ganz Großem, das irgendwann einmal kommen wird. Als Gesellschaftsroman nach den Gesellschaften, wie wir sie kennen, als Film oder ganz anders: Ein halbes Jahrtausend oder: Strand der Toten

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Donnerstag, 8. März 2012

Auch am Frauentag nicht viel Erfreuliches auf der Welt – außer vielleicht das Gelächter im Bundestag über Familienministerin Kristina Schröders Lob der angeblichen Fortschritte in der deutschen Frauenförderung. Ansonsten: wie gewohnt Grauen, wohin man schaut. Zum Beispiel in der Deutschen ewiger Lieblingskulisse fürs Exotische schlechthin – Mexiko. Im Jungle World-Interview charakterisiert der Schriftsteller Javier Sicilia die Lage im Land seit Ausrufung des Krieges gegen den Drogenhandel – mit seinen bis heute geschätzt 50.000 Toten – folgendermaßen: “Wir leben zwar im Zeitalter der Demokratie und Menschenrechte, doch wir Mexikaner sind zu Vogelfreien geworden. So wie es der Philosoph Giorgio Agamben für die Figur des ‘Homo sacer’ beschreibt, können sie Menschen umbringen, entführen und foltern. Und der Tod, der Schmerz, das gewaltsame Verschwindenlassen, das alles bleibt ohne Strafe. Das ist es, was in diesem Land geschieht […] Lediglich vier Prozent aller angezeigten Verbrechen werden in Mexiko aufgeklärt. Die Straflosigkeit ist fast absolut, deshalb machen die Kartelle, was sie wollen.” Nicht, dass man davon in der Literatur, bei Bolaño oder Winslow etwa, nicht schon gehört oder gelesen hätte; in den Nachrichten taucht das Thema jedoch nach wie vor kaum einmal auf. Ebensowenig wie vor Jahren die Besetzung Oaxacas durch Aufständische und die blutige Niederschlagung der Proteste 2006, derweil der Traveler dort urlaubt wie in den 90ern und früher. Ohne Mord und Totschlag als anthropologische Konstanten zementieren zu wollen, wird man aber doch zugeben müssen, dass allein die flächendeckende Durchsetzung von Kapitalverhältnis, Freihandel und Demokratie kaum dazu beitragen, die Welt in einen friedlicheren Ort zu verwandeln. Und solange der im Interview beschworene Hoffnungsträger Zivilgesellschaft in Ost wie West in jeder noch so kleinen Blüte sofort gefährdet ist und oft genug ohne viel Federlesens hinweggefegt wird, bleibt wie immer nur das Beharren auf den Widerstandskräften des persönlichen Eigensinns. Und zwar nicht erst in syrischen Verhältnissen sondern bereits im Kleinen und Kleinsten. Zum Beispiel wenn es um die Vereinnahmung durch ungeliebte Chefs und andere falsche Freunde geht.

 

strand der toten

Die Welt von ihrer schönsten Seite - Zipolite. Nach einer Überlieferung als "Strand der Toten" zu übersetzen. (c) laradanielle (CC BY-ND 2.0)

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