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Tag "taz"

Freitag, 21. Dezember 2012

Flughafen Tempelhof

(c) Bernd Eichhorn

 

Auch wenn Jerry Seinfeld seine Gags und ganze Serien wie Curb Your Enthusiasm nach wie vor aus Unbehagen vor dem ihn anblinkenden Cursor mit einem großen Stift auf gelbe Blöcke schreibt: Digital ist in bestimmter Hinsicht schon besser, und das Internet kann durchaus was. Zum Beispiel kleine Filme bereithalten, in denen Jerry Seinfeld seinen Schreibprozess erklärt. Was allein schon eine schöne Sache ist.

Aber auch ernsthaften Journalismus kann man darin nachvollziehbar, detailreich und – mindestens von der Anlage her – seriös aufbereiten. Vom aktuellen Korrespondenten-Bericht über Streubomben des Assad-Regimes aus Maraa in Syrien bis zur großangelegten Reportage über ein Lawinenunglück in der Washingtoner Cascades Range im Februar diesen Jahres. “Snow Fall”, so der Titel des Projekts der New York Times, zeigt vor allem eins, nämlich wie gewinnbringend man unterschiedliche Formate einbinden und im Sinne der Verbesserung der Anschaulichkeit seiner Sache nutzen kann, wenn man sich ein wenig Mühe dabei gibt. Das muss dann also gar nicht immer aussehen wie bei Spiegel online oder der taz mit ihren schwarzen Flächen über den Texten (– trotzdem Danke für den Hinweis auf die Snow Fall-Site).

Man kann aber auch ganz andere Gebiete bearbeiten und anderen Menschen ästhetische Freude bereiten. Wie Bernd Eichhorn mit seinem Archiv an Berlin- und Ostsee-Fotografien, dem das obige Bild des sommerlichen Tempelhofer Felds entliehen ist.

Weil das alles so angenehm und toll ist, ist es vielleicht gar nicht verkehrt, ein bisschen zum Erhalt der ganzen Sache an den (hoffentlich) richtigen Stellen beizutragen. Zum Beispiel indem man für die Sicherung der Unabhängigkeit von Wikipedia spendet. Oder für das Weltverbesserungs-Netzwerk avaaz.org, auch wenn sich an diesem Beispiel sofort wieder zeigt, wie schnell gut gemeint euphorisches Bewegen-Wollen auf den Holzweg führen kann.

Das nur heute, kurz vor Weihnachten, wo die Spendenlust groß ist und manch eine und einer mal wieder gar nicht wissen, wohin mit dem ganzen Zaster. Wer für sein Gutmenschentum dennoch eine weniger virtuelle Lösung sucht, dem sei wie immer die Unterstützung von Pro Asly empfohlen. Oder ganz direkt das Abliefern von ausgetragener Winterkleidung beim Migranten-Camp auf dem O-Platz.

Und für den Fall, dass das Internet nach all dem Lob gleich von allein (oder auf Betreiben böser Mächte) herunterfährt und mindestens bis ins nächste Jahr Winterferien macht wie alle anderen auch: eine frohe Jahresendzeit und einen guten Rutsch!

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Dienstag, 17. April 2012

Formulare, Erklärungen, Anträge. Nachtelefoniererei, Exposés. Warten. Schreiben über Gewerbeimmobilien. Der ganze alltägliche Wahnsinn, dem man sich unterzieht, um ein Leben, das man den Rest der Zeit über auch mal genießen möchte, zu finanzieren. Jemand wie Günther Grass hat soetwas wahrscheinlich lange nicht mehr nötig. Er muss sich dafür aber – wie man inzwischen zur Genüge weiß – unablässig Sorgen um den Weltfrieden machen. Und dabei immer wieder aufpassen, dass ihm die eigene Vergangenheit nicht in die Parade fährt. Das macht auch Arbeit. Und ist unerfreulich. Vor allem für andere.

Die aktuelle Jungle World bietet dazu einen ganzen Themenschwerpunkt Der Antisemitismus grassiert, in dem alles Nötige nachzulesen ist. Neben einem einführenden Text von Klaus Bittermann gibt es ein Interview mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk, von dem der hier titelgebende Ausspruch stammt und der das Gedicht, den Dichter und seine Generation in die Kontexte der deutschen Geschichte und des europäischen Antisemitismus einordnet: “Ich denke nicht, dass dieses Gedicht irgendeine Bedeutung hat” – der Geist, aus dem es stammt, aber schon.

In der taz erzählt der irakische Exilschriftsteller Najem Walis von einer Begebenheit mit Günther Grass aus dem Jahr 2003 im Jemen, die ihn zu dem Fazit kommen lässt: “Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, eine Bitte an ihn [Günther Grass] heranzutragen: Bitte unterlassen Sie es ab sofort, sich als ‘Freund der Araber’ zu bezeichnen. Verschonen Sie uns mit Ihrer Freundschaft, unser Ruf hat schon genug gelitten – wir haben auch schon genug falsche Freunde.”

Und die Rationalgalerie, die sich gleich zu Beginn der Debatte auf die Seite des Mahners geschlagen hatte, hat inzwischen eine späte Rezension der Blechtrommel nachgeliefert – als Beweis dafür, dass Grass in einem bestimmten geschichtlichen Moment für die junge Bundesrepublik und ihre Aufarbeitung der nur wenige Jahre zurück liegenden Geschichte eben doch wichtig war. Auch wenn es lange her ist, und der Autor sich zwischenzeitlich das ein oder andere Mal gehäutet haben mag.

 

sonnenuntergang

Auch in Deutschland lassen sich Bilder machen, die an Tel Aviv erinnern. Das sagt aber nichts über den Zustand irgendeiner Gesinnung. (c) H. Heiland

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