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Tag "Sex"

Ein wenig Mehr an Bewusstsein über die eigene Wirkung im Aufzeichnungskontext schadet sicher in den seltensten Fällen. Insbesondere, wenn man seine Rezensionen als Videos vorstellt wie Fritz Göttler für die SZ. Aber egal – wo er recht hat, hat er recht: Video-Rezension “The Bling Ring”

Die wirkliche – in opulenten Bild-Sound-Tableaus eingefangene – Traurigkeit und Tragik der Charaktere haben fast alle anderen Rezensionen nicht wahr haben wollen. “The Bling Ring” trifft mit seinen reinen Oberflächen den Nerv der Zeit wie kein Film seit langem, was man im Kino fast körperlich spürt. Wenn auch in erster Linie als deutliches Gefühl von Mangel und Fremdheit, wenn man sich auf der Suche nach möglichen Empathie-Andock-Momenten fragt, vor was genau man da eigentlich sitzt. Welche Rolle spielt der einmal so genannte Mensch noch inmitten all der immer und überall dominierenden Markenproduktwelten mit den dazugehörigen Attitüden? Da taugen – und das muss man sich im aktuellen Kino erstmal trauen – die ProtagonistInnen-Körper zu nichts weiter als zu Trägern von Statuszeichen und Überzeugungs-Tools. Alles, was unter die Haut gehen könnte, muss völlig draußen bleiben, heißt: Es gibt gar keinen Sex mehr.

Die Umleitung von jeglichem Begehren weg vom (Er)leben in Richtung schillernder Surrogate ist (fast) vollständig vollzogen. Womit “The Bling Ring” eben auch viel weiter geht als “Spring Breakers”, der vielleicht – bei Wahl völlig anderer Mittel – irgendwann mal ähnliches im Sinn gehabt haben könnte. Und so wenig glamourös im Lächerlichen gescheitert ist. Bisher der Film des Jahres.

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Samstag, 30. März 2013

… setzt sich Qualität eben doch durch. Und manchmal muss man dann doch auch loben, was alle anderen die ganze Zeit schon loben: Große Story, toller Film, charismatischer Typ, super Musik: Searching for Sugar Man. Und nach all den Jahren spielt Sixto Rodriguez, wie man hört, heute ausverkaufte Großkonzerte, als hätte er im Leben nie anderes gemacht. Hut ab.

Nicht so toll, auch wenn Detlev Kuhlbrodt in der Konkret und Dietmar Dath in der FAS anderes behaupten: Spring Breakers, das neue Werk von Harmonie Korine. Irgendwie stecken geblieben, halbherzig und viel zu kalkuliert. Schade. Und wahrscheinlich der peinlichste Film, für den sich James Franco bislang hergegeben hat.

Dann Florida vielleicht doch lieber mal wieder als katholisches Kino von Abel Ferrara aus den späten 90ern nachgucken. Auch hier: Sex, Drogen, Gehen Lassen, Schuld und Sühne. Mathew Modine, Claudia Schiffer, Beatrice Dalle und Dennis Hopper in The Blackout. Im Verhältnis allemal großes Kino.

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Samstag, 2. Juni 2012

Neulich war Billy Bragg zu Gast im Heimathafen Neukölln, wo er für weit über 20 Euro ein ausverkauftes Gastspiel gab. Im taz-Interview schildert der im Thatcher-England der 80er-Jahre als Ein-Mann-Punk-Band zur Institution für Fußball, Pop and Politics avancierte Barde seine Version der Revolutions und Kulturgeschichte des Westens: Erst haben die verfickten Hippies so gut wie alles verbockt, und man musste wütend selbst zur Gitarre greifen. Dann fielen mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und des Staatssozialismus die Ideologien in sich zusammen, auf denen man sowieso keine besser Welt hätte aufbauen (wenn auch unter Umständen das eine oder andere neue Mädchen finden) können. Und irgendwann musste selbst Thatcher ihre Sachen packen.

In der Zukunft, glaubt Bragg heute, wird sich auch der Kapitalismus reformieren lassen, ob er das nun will oder nicht. Denn – merke – Menschen können ohne Märkte leben, Märkte aber nicht ohne Menschen existieren. Soweit so … äh … toll!? Jedenfalls sollten die Occupy-Typen, die nach Meinung des altersweisen Meisters auch nichts weiter seien als – genau: verfickte Hippies, sich nicht von in die Jahre gekommenen Spießern wie ihm ihre Musik diktieren lassen und immer weiter auf dem Vorsingen der Internationalen beharren. Dennoch rät er fürs eigene Aufbegehren weiterhin eher den Griff zur Gitarre an als den zur Tastatur. Denn wer kann als Blogger schon auf Tour gehen und Sex mit interessanten Menschen haben?

 

Ein Relikt aus Zeiten, als Revolutionspathos noch einen Stellenwert hatte im jugendlichen Gefühlsleben.

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Dienstag, 3. April 2012

Man fragt sich vielleicht, woher zuletzt die moralisch überlegene Abgeklärtheit des Protagonisten kommt, der durch seine geile Triebhaftigkeit letztlich das Benzin und natürlich Geld getriebene Karussell der Eskalation befeuert und überhaupt in Gang setzt. Aber man kann es auch einfach als dem Genre geschuldet hinnehmen und sich freuen, dass mit Viva Riva ein Thriller seine Gewaltspirale mit unvermeidlich ins Edle überhöhter Liebesverwicklung einmal nicht im amerikanisch/europäisch/asiatischen Metropolenraum entfaltet sondern in Kinshasa. Das bietet dem hiesigen Zuschauer nicht nur eine andere Optik sondern transportiert bei aller Stilisierung auch ein Stück afrikanischer Lebensrealität fernab gutmeinender dokumentarpädagogischer Problematisierungen. Und wie überall heißt es zwischen mitunter schwierigen sanitären Bedingungen und mit Stolz zu Schau getragenen Luxus-Styles auch hier: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles …

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Mittwoch, 28. März 2012

Körpergrenzen. Sich eröffnenden Fluchtlinien (entlang der Sounds von Basslines in Richtung Licht und wogender Mannigfaltigkeiten) und Praktiken der Entgrenzung (Sex, Trance, Drogen, Revolution etc.) sowie anderen Vorboten künftiger beglückender Existenzweisen stehen in der Realität deutlich häufiger vorkommende, in der Jubeltheorie/-literatur aber eher seltener berührte Formen der Entsubjektivierung gegenüber: etwa die Allianzen, die persistierende Erregerpolpulationen mit Anrufbeantworterstimmen und Warteschleifen in Verlagen, Agenturen und Redaktionen eingehen, um willkürlich an den Reglern von Ich-Simulation und Außenwelt/Andere zu drehen. Forschungsprojekt: Krankheit: Von Einbettungen, Aufhängungen und vom Altern. – Avi erwachte und hatte für einige Momente das Gefühl, wieder genesen zu sein. Aber schon während des morgendlichen Café-Besuchs bemerkte er wieder das unverkennbare Schlappheitskribbeln in den Beinen, und noch bevor der Rechner hochgefahren war, nötigten ihn die stete, der Organisation von Rhino- oder Adenovirenstämmen geschuldete Absonderung dünnflüssigen Nasensekrets sowie ein beinahe konstanter Juck- und Niesreiz in Verbindung mit schier unablässigem Harndrang und Ohrendruck, der wiederum nach tastender und reinigender Behandlung verlangte, im Minutentakt aufzuspringen und alle Konzentrationanstrengungen aufzugeben, ohne dass überhaupt einmal ein nennenswertes Stadium an Fokussierung auf eines seiner Arbeitsthemen erreicht worden wäre. So ging das bereits seit Wochen, und Avi war kurz davor, die Hoffnung auf Besserung endgültig fahren zu lassen, während er sich beinah wünschen musste, an etwas ernsterem zu leiden als an einer gewöhnlichen Erkältung, die für eine Dezentrierung seiner Person, wie er sie wahrnahm und durchlitt, verantwortlich zu machen, doch allzu lächerlich schien.

Wenn Sie öfter kämen, wäre das auch in meinem Sinn: Beobachtungen ritueller Beschwörungen des Sexuellen im Straßenraum biopolitisch geprägter Leistungsgesellschaften (Frühlingserwachen in Berlin: noch so ne Sache).

(Wladimir: Was sollen wir jetzt machen? – Estragon: Warten. – Wladimir: Ja, aber beim Warten. – Estragon: Sollen wir uns aufhängen? – Wladimir: Dann geht nochmal einer ab. – Estragon aufgereizt: Dann geht nochmal einer ab? – Wladimir: Mit allen Folgen. Da, wo es hinfällt, wachsen Alraunen. Darum schreien sie, wenn man sie ausreißt. Wusstest du es nicht? – Estragon: Komm, wir hängen uns sofort auf. – Wladimir: An einem Ast? Sie nähern sich dem Baum und betrachten ihn. Ich hätte kein Vertrauen. Estragon: Wir können’s doch mal versuchen. […] Wladimir: Was sollen wir also machen? Estragon: Gar nichts. Das ist gescheiter.)

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