— weltwundern.net

Archive
Tag "Schmerz"

Donnerstag, 8. März 2012

Auch am Frauentag nicht viel Erfreuliches auf der Welt – außer vielleicht das Gelächter im Bundestag über Familienministerin Kristina Schröders Lob der angeblichen Fortschritte in der deutschen Frauenförderung. Ansonsten: wie gewohnt Grauen, wohin man schaut. Zum Beispiel in der Deutschen ewiger Lieblingskulisse fürs Exotische schlechthin – Mexiko. Im Jungle World-Interview charakterisiert der Schriftsteller Javier Sicilia die Lage im Land seit Ausrufung des Krieges gegen den Drogenhandel – mit seinen bis heute geschätzt 50.000 Toten – folgendermaßen: “Wir leben zwar im Zeitalter der Demokratie und Menschenrechte, doch wir Mexikaner sind zu Vogelfreien geworden. So wie es der Philosoph Giorgio Agamben für die Figur des ‘Homo sacer’ beschreibt, können sie Menschen umbringen, entführen und foltern. Und der Tod, der Schmerz, das gewaltsame Verschwindenlassen, das alles bleibt ohne Strafe. Das ist es, was in diesem Land geschieht […] Lediglich vier Prozent aller angezeigten Verbrechen werden in Mexiko aufgeklärt. Die Straflosigkeit ist fast absolut, deshalb machen die Kartelle, was sie wollen.” Nicht, dass man davon in der Literatur, bei Bolaño oder Winslow etwa, nicht schon gehört oder gelesen hätte; in den Nachrichten taucht das Thema jedoch nach wie vor kaum einmal auf. Ebensowenig wie vor Jahren die Besetzung Oaxacas durch Aufständische und die blutige Niederschlagung der Proteste 2006, derweil der Traveler dort urlaubt wie in den 90ern und früher. Ohne Mord und Totschlag als anthropologische Konstanten zementieren zu wollen, wird man aber doch zugeben müssen, dass allein die flächendeckende Durchsetzung von Kapitalverhältnis, Freihandel und Demokratie kaum dazu beitragen, die Welt in einen friedlicheren Ort zu verwandeln. Und solange der im Interview beschworene Hoffnungsträger Zivilgesellschaft in Ost wie West in jeder noch so kleinen Blüte sofort gefährdet ist und oft genug ohne viel Federlesens hinweggefegt wird, bleibt wie immer nur das Beharren auf den Widerstandskräften des persönlichen Eigensinns. Und zwar nicht erst in syrischen Verhältnissen sondern bereits im Kleinen und Kleinsten. Zum Beispiel wenn es um die Vereinnahmung durch ungeliebte Chefs und andere falsche Freunde geht.

 

strand der toten

Die Welt von ihrer schönsten Seite - Zipolite. Nach einer Überlieferung als "Strand der Toten" zu übersetzen. (c) laradanielle (CC BY-ND 2.0)

Read More

Mittwoch, 7. März 2012

Dem Werk – oder wem auch immer – hilft ein bestimmter Schmerz vielleicht tatsächlich. Zumindest aber ein gewisses Maß an gemachten Erfahrungen, die mit einfließen und spür- oder sichtbar werden. Wie in Gesichtern, wenn sie nicht mehr ganz jung oder künstlich gestrafft und bearbeitet sind. (Zur Seite des Zugriffs ein andermal mehr …) Hier ist Porträt 2: Thore

Tel Aviv. Eine halbe Stunde später versank die Sonne im Meer und nach weiteren fünfzehn Minuten war es stockdunkel. Henning zog die Schuhe aus und lief die paar Schritte vor ans Wasser. Es war angenehm warm. Kurz überlegte er, ob er noch baden gehen sollte, entschied aber, dass das zu anstrengend war. Stattdessen setzte er sich vor eine der Strandbars mit ihren schick illuminierten Außenbereichen und trank zwei teure Bier. Zu beiden rauchte er je eine Zigarette. Dabei bemühte er sich, seinen Kopf nicht so sehr klar als vielmehr leer zu kriegen. Er wollte nur sitzen, den auffrischenden Wind auf der Haut spüren und nicht darüber nachdenken, wie sich sein Leben in den letzten Wochen entwickelt hatte oder warum oder was er unternehmen konnte. Als der Kellner, ein junger, gebräunter Surfer mit halblangem, sonnengebleichtem Haar kam, um sich zu erkundigen, ob er noch ein Gold Star bringen solle, sagte Henning, dass er zahlen wolle. Der Junge, der nicht viel zu tun hatte, da das Areal mehr oder weniger verlassen dalag, kassierte ihn ab, bedankte sich für sein Trinkgeld und blieb noch einen Moment bei ihm stehen. Er fragte, ob Henning aus Italien komme. Henning sah ihn an und sagte ja.

 

sonnenuntergang

Feierabend in Tel Aviv. (c) H. Heiland

Read More