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Tag "Roman"

Bens Stimme versiegte an ihrem Ohr. Von der plötzlichen Stille aufgeschreckt, wandte Annika den Kopf in seine Richtung; versuchte ein Lächeln und merkte, wie sie rot wurde.

Andere Städte, andere Sitten, probierte sie auf gut Glück, erkannte aber an der Art, in der Bens Gesicht einfror, dass sie den Ton nicht getroffen hatte.

Ben lehnte sich zurück. Die Lippen fest zusammengepresst betrachtete er sie mit einem Stirnrunzeln.

Hast du mir überhaupt zugehört?

Hatte sie nicht. Also zunächst schon. Aber dann waren ihre Gedanken, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können, zu Paul abgewandert und dem, was er noch vor wenigen Stunden mit ihr angestellt hatte. Dabei wollte sie nicht über ihn nachdenken, weil sie wusste, dass das keinen Sinn hatte. Lieber wollte sie zu ihm gehen und da weitermachen, wo sie zuletzt aufgehört hatten.

Äh, ich glaub, ich brauch noch einen Kaffee, sagte sie.

Ben seufzte, sah sich dann aber nach der Kellnerin um und winkte ihr. Er war ein guter Typ, dachte Annika, derjenige von ihren Freunden, zu dem sie auf gewisse Art immer aufgeschaut hatte. Weil da etwas an ihm war, eine durchaus attraktive Rigorosität in seiner Einstellung gegenüber der Welt, die ihn hervorhob aus der Menge der prinzipiell Gleichgeschalteten. Kurz vor Weihnachten war er in eine neue Stadt gezogen; jetzt war Annika zum ersten Mal für einige Tage bei ihm zu Besuch. Und hatte sich gleich am zweiten Abend in einen fünfzehn Jahre älteren Fotografen verliebt. So etwas passierte. Ben bestellte den Kaffee und sprach über anderes. Wenig später zahlte er, und sie traten auf die Straße, in der die Gesichter im Licht der ersten Sonne ihre Winterhärte verloren hatten. Den Schlagzeilen zum Trotz erwachte auch in diesem Jahr das Leben und stellte seine Forderungen. Sie verabschiedeten sich für den Tag, und als Annika eine knappe Woche später zurück in Bens Wohnung kam, um ihre Sachen zu holen, war er nicht da. Auch telefonisch erreichte sie ihn nicht. Sie sahen sich nie wieder.

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Paul zündete sich eine Zigarette an. Es war ein Abend im Kulturbetrieb zwischen mit Weingläsern und Bierflaschen bewaffneten Menschen. Großformatige Fotografie hing an den Wänden, im Foyer legte ein DJ auf. Vor der Tür, wo er mit mehreren anderen zum Rauchen stand, wehte der Wind bereits herbstlich. Rivka war seit einer Woche in Tel Aviv bei ihrer Tante. Seit sie weg war, fühlte Paul sich überraschend verloren. Kam nicht zum Arbeiten, war von Unruhe getrieben, musste unter Leute. Rausgehen. Sehen, was die Kollegen machten und die Kunst. Die Kultur im Großen und Ganzen. Die Stadt. Leben.

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Alles war in Bewegung: Blätter, Zweige, Äste, Stämme, Rehe, Hochsitze, ein Förster mit doppelläufiger Flinte, eine Autobahn, Laster, PKW, Wiesen, Gewerbegebiete, ein Bahnhof, Klinkerfassadenhäuser, Backsteinbauten, Fitnesscenter, Bäcker, ein Kiosk mit Schlagzeilen der Boulevardpresse, die ein entschiedenes Nein zu irgendetwas forderte, das auf die Entfernung nicht zu lesen war, türkische oder kurdische oder arabische Familien, Singles, Einfamilienhäuser in Siedlungen und Mehrfamilienhäuser an Verbindungsstraßen, kleine Villen in verkehrsberuhigten Wohngebieten, Kreisel, Sportwagen, Lieferwagen, SUVs, Hundespaziergänger in Mänteln, wieder Wald, aufgeschichtete Baumstämme, Überlandleitungen, ein Ausflugslokal, ein Turm, halb verwittert, nochmals Rehe, Hasen, Radfahrer, Nordic-Walker, ein Trafohäuschen, Bänke, begradigte Bachläufe, ein Fluss, Industrieanlagen am Horizont, Ställe, Parkanlagen, der nächste Bahnhof, an dem sie nicht hielten, Reisende auf Bahnsteigen, Kinder, die Ball spielten, Gerümpel in engen Hinterhöfen, ein Schäferhund in einem Zwinger, Schrebergärten, eine Reichskriegsflagge, mehrere Deutschlandfahnen, Baracken, Garagen, Brachflächen mit Abfall, Baustellenschilder, Baustellenfahrzeuge, Baugruben, aufgerissener Untergrund, eine Erschließungsstraße mit hohen Laternen im Nichts, Wiesen, Hecken, Gärten, Ruderboote auf einem Tümpel, wieder Wald, Tannen und Laubbäume, die letzte gelb-braune Blätter trugen, Wald, der dichter an die Gleise heranrückte und das Licht nahm, bis er wieder zurücktrat, Wiesen, Felder, ein Traktor, Stromleitungen, Gleisanlagen, Signale, Plakatflächen, Straßen, Verkehr, Vororte, ein mittelstädtisches Zentrum mit Kirche und herausgeputzter Fußgängerzone, ein Festplatz mit Bierzelt, im Auf- oder Abbau, Bauarbeiter, die Metallstreben durch die Gegend trugen, während andere bereits beim Bier saßen, eine Bahnhofshalle mit Werbebannern, Uhren, Anzeigetafeln, Sammelstellen für verschiedene Sorten von Müll, Wagenstandanzeiger, die von aufgeregt diskutierenden Reisegruppen belagert wurden, junge muskulöse Männer mit Sporttaschen, ihr Smartphone studierend, Frauen mit langen Haaren, Trenchcoats und Rollkoffern, ver.di-Aktivisten in orangefarbenen Westen, Omas, die den Krieg noch erlebt hatten oder wenigstens die Jahre des Wiederaufbaus, Polizisten in blauer Montur, eine Kundgebung auf einem kleinen Platz, Aktivistinnen in Parkas, Schilder auf denen „Keine Tier KZs“ zu lesen war, weniger herausgeputzte Straßenzüge, vor Toreinfahrten abgeladener Sperrmüll, Matratzen, Schränke, über den Gehweg verteiltes Geschirr, ein Bolzplatz hinter Maschendraht, Eckkneipen, ein geräumtes Kaufhaus, ein Kran mit einer Abrissbirne, Bagger, Ausfallstraßen, wieder Vororte, ein Autobahnzubringer, Stau auf einer langgezogenen Autobahnbrücke, ein von vollen Parkplatzflächen umgebenes Einkaufszentrum, Tankstellen, Supermärkte, Baumärkte, mehr Parkplätze, mehr Zubringer, abgeerntete Felder, dann wieder Wald, parallel zur Autobahn. Alles kam links ins Bild und war jetzt bei voller Fahrt gleich wieder nach rechts verschwunden.

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