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Tag "Mexiko"

Das leere Zentrum der Vernunft – und nicht etwa ihr Schlaf – gebiert die durch und durch rationalen Monstren von Menschenhandel, Folter und Rackets aller Orten. Besonders drastisch ist das seit Jahren in Mexiko zu besichtigen, das in Teilen mehr und mehr einer Splatter-Phantasie Tarantinos zu gleichen scheint.

Wer sich mit der Tendenz der Berichterstattung, jeden neuen Mord wie eh und je unter der Rubrik “Drogenkrieg” zu verbuchen und ihn so zu den Obskuritäten-Akten aus einer fernen und unverständlichen Welt zu legen, nicht zufrieden geben will, kann den gewaltätig aktuellen Stand der Dinge in Antonio Ortuños wuchtigem Roman “Die Verbrannten” nachlesen. Darin erfährt die Protagonistin das Zusammenspiel von Bandenkriminalität, staatlichen Akteuren und zu massenhaft verfügbarer Ware entmenschlichten Migranten auf verschiedenen Ebenen hautnah, womit nicht nur ihr, sondern auch der Leserin und dem Leser einiges zugemutet wird.

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Heli_poster

 

Dass Köpfen, Foltern und Morden nicht nur Sharia-konform und mit Bezug zum IS-Kalifat geht, sondern auch ganz profan aus Habgier, zur Selbstbestätigung oder im Rahmen einer von Kindesbeinen an eingeübten schlechten Realität, ist nicht ganz neu. So eindrücklich und vom Gegenstand nicht mehr als nötig beeindruckt wie hier hat man die Möglichkeiten des Lebens unter ganz und gar verrohten Bedingungen im Kino aber kaum einmal vorgeführt bekommen. In ruhigen Bildern erzählt Heli mit starken Darstellern von kleinen Träumen, großer Abgestumpftheit, der Autoteilefabrik als trügerischer Hoffnung und der dünnen Decke aus Farbe, Volkszählung und Wäschemachen, die die Traumata notdürftig verdeckt.

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Freitag, 14. Dezember 2012

Nachdem die Zeiten der euphorischen Verschränkung von Nachtlebenkultur und Selbstausbeutung in so genannten kreativwirtschaftlichen Nischen zumindest für die ersten beiden Generationen allmählich vorbei scheinen, geht der Trend bei gereiften Protagonisten ganz offensichtlich zu neuen Formen von Freizeit-Buddhismus und Neo Schamanentum.

Hatte es Avi im Privaten bereits seit Jahren verwundert, dass einstmals politisch wache Köpfe sich seit Ende der Neunziger darauf verlegten, ihren Reise- und Lebenshedonismus (um deren ungefiltertes Ausleben man sie unter Umständen noch hätte beneiden können) mit krudesten Weltverschwörungstheorien kurzzuschließen, so war jetzt offensichtlich die nächste Welle im Anrollen: Lebensberichte von zu Neo Schamanen bekehrten Ex-Art-Direktoren mitten aus dem Zentrum der Agenturlandschaft. Und mit einiger Sicherheit konnte man annehmen, dass das, was Harald Renkel und andere bisher im Selbstverlag herausgaben, schnell auch von Publikumsverlagen als aktuelles Update eigentlich überholt geglaubter Trends entdeckt und breit vermarktet werden würde. Man google dazu bei Interesse selbst.

Oder – besser – man beschäftige sich mit der anderen Seite. In der Jungle World findet sich diese Woche ein interessantes Interview mit zwei Mitgliedern von Crimethinc, einem dezentralen anarchistischen Kollektiv, das sich unter anderem Gedanken darüber macht, wie in nachrevolutionärer Zeit mit Call Centern und anderen Auswüchsen des derzeitigen Kapitalismus umgegangen werden soll: “Das wird ganz anders aussehen als in den Phantasien der Leute vor hundert Jahren, als die Idee war, dass wir einfach die Fabriken für uns arbeiten lassen, dass wir einfach weiter Waren produzieren. Heute, da immer mehr Leute Dinge tun, die außerhalb des kapitalistischen Rahmens keinen Sinn ergeben wie beispielsweise Telefonmarketing, wird die Beschlagnahmung der Produktion tatsächlich viel destruktiver aussehen. … Es gibt keine natürliche Welt, zu der man zurückkehren könnte. Es wird keine primitivistische Zukunft gebeben, sondern eine Steampunk-Zukunft, in der all die vom Kapitalismus produzierten Trümmer einem Nutzen zugeführt werden.”

Im Gegensatz zum esoterischen Rollback in Berlin Mitte gibt es hier jedenfalls eine ganze Menge Bewusstsein in Bezug auf einige die Gegenwart prägenden Realitäten wie die mannigfaltigen Arten der Vergesellschaftung inmitten gleichzeitig existierender und zu überwindender Widersprüche. Vor allem aber dafür, dass die Inseln, auf denen sich von Dingen wie dem Ausstieg ins Schamanentum halluzinieren lässt, enger werden und umkämpfter. Was dann eben auch heißt, dass Felder, auf denen es keine Emanzipation, keine Revolution und keinen Fortschritt gibt, vom Faschismus besetzt werden können. Nachzulesen demnächst hier.

Apropos nachlesen. Hier noch der erweiterte Teaser zu irgendetwas ganz Großem, das irgendwann einmal kommen wird. Als Gesellschaftsroman nach den Gesellschaften, wie wir sie kennen, als Film oder ganz anders: Ein halbes Jahrtausend oder: Strand der Toten

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Samstag, 17. März 2012

Die Unterwerfung unter die Macht und die Zucht folgsamer Seelen vollziehen sich – das wissen die Macher von “Sons of Anarchy” wie das syrische Regime und die Zetas in Mexiko – besonders eindrucksvoll durch das “Fest der Martern” (Foucault) mit seinen (mal mehr mal weniger) kunstvoll dosierten Codes des Leidens. Die Körper werden zu Orten der rituellen Hervorbringungen von Wahrheit, wie bereits in der 1914 entstandenen Erzählung “In der Strafkolonie” von Franz Kafka nachzulesen. “The narco relies on the discourse of cruelty (cruor: the blood that spills, says Lyotard), in which wounds trace a sentence for the victim and a warning for the witnesses. The jus sangui of the narco depends on a Kafkaesque inversion of legal proceedings; the verdict is not the end but the beginning of a trial, the announcement that others might yet be called to court. ‘If you do not make the blood run, the law is indecipherable,’ Lyotard wrote about ‘In the Penal Colony.’ That is the implicit slogan of organized crime. Its words are perfectly legible. Meanwhile, the other law, ‘our’ law, has faded”, schreibt Juan Villoro in The Red Carpet über die Brutalisierung der Lebenswelten Mexikos im empfehlenswerten New Yorker n+1 Magazin (hier: Ausgabe 9 aus dem Frühjahr 2010).

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