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Tag "Medien"

Montag, 26. März 2012

Dass es (wiederum Adorno) kein richtiges Leben gebe im falschen, ist sicherlich einer der meist missbrauchten Sätze einer kritischen Theorie, die sich ansonsten durch ihre Strenge und Unbedingtheit weitgehend der Vereinnahmung durch ideologische Staats- und Medienapparate entziehen konnte. Dass er dennoch nicht an Wahrhaftigkeit verloren hat, zeigt sich, wenn das theoretisch immer wieder nachzukonstruierende Allgemeine des Gesamtzusammenhangs Verbindungen mit Kräften eingeht, die ebenfalls ohne wissenschaftliche Begriffsbildung nicht kommunizierbar sind, aber dennoch im Realen konkrete, Furcht einflößende Spuren hinterlassen. Die Rede ist selbstverständlich von radioaktivem Niederschlag, anhaltender Strahlung, noch bevorstehenden Katastrophen in Reaktorblock 4 von Fukushima und einer von Regierung und Massenmedien exerzierten Politik der Herabspielung von Gefahren und Bedrohung.

 

Prybiat

Tschernobyl, 2009. (c) Marco Fieber (CC BY-NC-ND 2.0)

In Alexander Kluges bereits des Öfteren hier empfohlenem “fünften Buch” ist im Kapitel “Uralte Freunde der Kernkraft” in diesem Zusammenhang einiges zu nicht versteh- sondern allein beobachtbaren Wirkmechanismen nachzulesen, zur unvermuteten Bewahrheitung im Wortsinn daneben liegender Voraussagen, den Möglichkeiten der Evakuierung einer Metropolenregion von der Größe Tokios oder zur autonomen Vergesellschaftung von Rotten von Hilfsrobotern, sobald sie sich der Steuerung durch den Menschen entzogen haben. Auch zum Absinken des Aktualitätswerts der Ereignisse in Japan im Juni 2011, als sich unter anderem durch einen US-Gerichtstermin in der Affäre Strauss-Kahn andere Prioritäten in der weltweiten Berichterstattung ergaben, schreibt Kluge. Ergreifender noch ist aber der Bericht von Masako Hashimoto, den die taz heute unter dem Titel Das Krisenmanagement der Atomindustrie: Frau Hashimoto erzählt ein Lehrstück veröffentlicht hat. Sie berichtet aus dem konkreten Anleben Einzelner gegen den Verblendungszusammenhang des falschen Allgemeinen; tatsächlich ein Lehrstück, aber eins im Duktus eines Alfred Hitchcock. Passend, dass heute im friedlichen schweizer Aargau das Versagen einer Pumpe im Kühlsystem des derzeit weltweit dienstältesten Atomkraftwerks Benzau zur Abschaltung eines Reaktors geführt hat.

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Freitag, 9. März 2012

Natürlich muss man auch (oder vielleicht gerade?) hierzulande darauf schauen, woher die Informationen, die einem medial ständig um die Ohren gehauen werden, überhaupt kommen – und wem sie nutzen. Zu Libyen und den NATO-Luftangriffen gegen das Regime Gadaffis umreißt das Ullrich Gellermann in seiner Rationalgalerie: der deutsche Presserat als Schmock des Monats. Und auf Deutschlandradio Kultur beschäftigen sich Denis Scheck und seine Runde im Kritikergespräch einmal mehr mit Christian Krachts “Imperium”, Kritik als Gedankenpolizei und dem Spiegel als Zimmerflak der Literaturkritik.

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Dienstag, 6. März 2012

Medien und so. Republikanischer Super-Tuesday in den USA. “Hauptsache religiös und radikal”, titelt die taz. Obama hat derweil damit zu ringen, dass er dem israelischen Premier Netanjahu das Recht auf Selbstverteidigung nicht absprechen, gegenüber dem Iran aber bei Dipolmatie und Sanktionen bleiben will. Vorerst. “Meine Freunde, 2012 ist nicht 1944”, beharrt Netanjahu und meint damit, dass heute – im Gegensatz zu 1944, als die Amerikaner die Bombardierung des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Begründung ablehnten, sie sei ineffektiv und würde die Deutschen bloß weiter provozieren – ein jüdischer Staat bestehe, dessen Aufgabe es sei, “jüdisches Leben zu verteidigen und die jüdische Zukunft zu sichern.“ Ein in dem Zusammenhang interessanter Vergleich zwischen der Krisenpolitik Netanjahus und derjenigen von Helmut Schmidt während des Deutschen Herbstes findet sich hier.

Darkness. Währenddessen scheint in Syrien der Rachefeldzug des Regimes weiterzugehen. Von den Titelseiten der großen Zeitungen der Berliner Republik ist das Thema aber verschwunden. Dafür berichtet – noch einmal – die taz aus einer anderen Weltregion des Horrors: Kolumbien. Dort sind seit Folter und Mord an dem Gewerkschaftler Luciano Romero zwar bereits fast sieben Jahre vergangen, doch jetzt wurde von der in Berlin ansässigen Anwaltsgruppe des „European Center for Constitutional and Human Rights“ (ECCHR) Strafanzeige gegen Nestlé erstattet. “Das ECCHR will damit einen ‘Beitrag zur Entwicklung von menschenrechtlichen Standards für Unternehmen in Regionen bewaffneten Konflikts und begrenzter Staatlichkeit’ leisten. Mit anderen Worten: Spitzenmanager multinationaler Unternehmen sollen in Zukunft am Stammsitz des Unternehmens für das Verhalten ihrer Tochterunternehmen in Konfliktregionen zur Verantwortung gezogen werden können”, resümiert Toni Keppeler.

Das alles meint Benjamin von Stuckrad-Barre wohl allerdings nicht, wenn er mit Katrin Bauerfeind darüber spricht, dass das Leben ein holpriger Weg voller Stolpersteine ist und dass es einem erstmal richtig schlecht gegangen sein muss, bevor es einem gut gehen kann. Klar, dass das der Arbeit, dem Werk hilft.  Deshalb darf er sich auch – Zettl hin oder her – folgendes Prädikat aus der ZEIT an seine Website hängen: “Einen besseren Chronisten unserer Zeit gibt es einfach nicht.”

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