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Tag "Krieg"

Mittwoch, 21. März 2012

Mehr Licht. Nicht alles wird schlechter. Glaubt man den Erkenntnissen zweier Neuerscheinungen aus England und Frankreich, die Dan O’Brien für die Dublin Review of Books zusammengefasst hat, ist auf lange Sicht sogar das Gegenteil der Fall: Nie, so das Resümee seiner Lektüre von Steven Pinkers The Better Angels of our Nature: The Decline of Violence in History and its Causes und Robert Muchembleds A History of Violence, war die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, geringer als heute. Dabei untermauern beide Autoren die Zivilisierungsthese von Norbert Elias (die 1939 zu einem für ihre Glaubwürdigkeit denkbar ungünstigen Zeitpunkt erschien) mit reichem statistischen, historischen und evolutions-biologischen Material auf der Höhe der jeweiligen Forschungsdisziplinen – und mit Rechenspielen, die zwischen Gesamtzahlen und Relationen des Grauens unterscheiden: Wenn man so beispielsweise den Zweiten Weltkrieg (mit absolut selbstverständlich  den meisten Toten aller kriegerischen Auseinandersetzungen der Weltgeschichte) in Beziehung zur Größe der damaligen Weltbevölkerung setzt und dergestalt mit anderen Konflikten vergleicht, landet er bereits nur noch auf Platz neun der globalen Massentodeshitparade. Und auch die (bislang) weniger als 10.000 Toten in Syrien (bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 20 Millionen Menschen) erscheinen als statistische Verbesserung, wenn man sie in eine Reihe mit den Opferzahlen weniger Tage im Anschluss an Eroberungen von Städten in derselben Region im Mittelalter oder in biblischen Zeiten betrachtet. Das klingt zynischer als es gemeint ist; im großen Ganzen des Betrachtungshorizonts jedenfalls ist die Botschaft wohl klar: Es gibt nachweislich Entwicklungen, von der Sesshaftwerdung des Menschen über die Ausbreitung des Handels, die Schriftkultur und sogar das Fernsehen (dessen Auswirkungen auf die Verstärkung von Empathiefähigkeit nicht unterschätzt werden sollte) die von der Barbarei stolz-dumpfer Raubtiere in Richtung humanerer Vergesellschaftungsmodi weisen. Allerdings sind diese Tendenzen nie ungefährdet, und wie immer müssen vor allem die gegenläufigen Trends im Auge behalten werden.

Das BookForum stellt derweil unter der Überschrift War is a moral force neue Literatur zu Krieg, Kriegsführung, Kriegsrecht, Krieg und Kapitalismus und dergleichen zusammen. Interessant, aber eine wahre Flut von Materialien.

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Donnerstag, 8. März 2012

Auch am Frauentag nicht viel Erfreuliches auf der Welt – außer vielleicht das Gelächter im Bundestag über Familienministerin Kristina Schröders Lob der angeblichen Fortschritte in der deutschen Frauenförderung. Ansonsten: wie gewohnt Grauen, wohin man schaut. Zum Beispiel in der Deutschen ewiger Lieblingskulisse fürs Exotische schlechthin – Mexiko. Im Jungle World-Interview charakterisiert der Schriftsteller Javier Sicilia die Lage im Land seit Ausrufung des Krieges gegen den Drogenhandel – mit seinen bis heute geschätzt 50.000 Toten – folgendermaßen: “Wir leben zwar im Zeitalter der Demokratie und Menschenrechte, doch wir Mexikaner sind zu Vogelfreien geworden. So wie es der Philosoph Giorgio Agamben für die Figur des ‘Homo sacer’ beschreibt, können sie Menschen umbringen, entführen und foltern. Und der Tod, der Schmerz, das gewaltsame Verschwindenlassen, das alles bleibt ohne Strafe. Das ist es, was in diesem Land geschieht […] Lediglich vier Prozent aller angezeigten Verbrechen werden in Mexiko aufgeklärt. Die Straflosigkeit ist fast absolut, deshalb machen die Kartelle, was sie wollen.” Nicht, dass man davon in der Literatur, bei Bolaño oder Winslow etwa, nicht schon gehört oder gelesen hätte; in den Nachrichten taucht das Thema jedoch nach wie vor kaum einmal auf. Ebensowenig wie vor Jahren die Besetzung Oaxacas durch Aufständische und die blutige Niederschlagung der Proteste 2006, derweil der Traveler dort urlaubt wie in den 90ern und früher. Ohne Mord und Totschlag als anthropologische Konstanten zementieren zu wollen, wird man aber doch zugeben müssen, dass allein die flächendeckende Durchsetzung von Kapitalverhältnis, Freihandel und Demokratie kaum dazu beitragen, die Welt in einen friedlicheren Ort zu verwandeln. Und solange der im Interview beschworene Hoffnungsträger Zivilgesellschaft in Ost wie West in jeder noch so kleinen Blüte sofort gefährdet ist und oft genug ohne viel Federlesens hinweggefegt wird, bleibt wie immer nur das Beharren auf den Widerstandskräften des persönlichen Eigensinns. Und zwar nicht erst in syrischen Verhältnissen sondern bereits im Kleinen und Kleinsten. Zum Beispiel wenn es um die Vereinnahmung durch ungeliebte Chefs und andere falsche Freunde geht.

 

strand der toten

Die Welt von ihrer schönsten Seite - Zipolite. Nach einer Überlieferung als "Strand der Toten" zu übersetzen. (c) laradanielle (CC BY-ND 2.0)

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