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Tag "Huhn"

Freitag, 30. März 2012

Kulturgeschichte des Huhns. “Ich wollt’ ich wär ein Huhn, ich hätt’ nicht viel zu tun, ich legte jeden Tag ein Ei und sonntags auch mal zwei” singen Lilian Harvey, Willy Fritsch, Paul Kemp und Oskar Sima im Film Glückskinder von 1936, mit dem Goebbels seinen Regisseur Paul Martin amerikanische Screwball Comedies  adaptieren lässt (so findet denn auch Clark Gable gegen Ende des Songs Erwähnung). Ziel ist, der nazideutschen Filmwirtschaft, der mit sich verschärfender Judenverfolgung wesentliche Talente abhanden kommen, neuen Glanz zu verleihen. Denn der Reichspropagandaminister weiß wie kein anderer um die Bedeutung der leichten, erbaulich politikfernen Kinokost fürs deutsche Gemüt. Inwieweit der sogenannte “unpolitische” Unterhaltungsfilm dabei am Volkskörper mitbaut mit seinen Bildern vom kämpfen müssenden Mann als der Krone der Schöpfung, wird beim ersten Sehen des Ausschnitts deutlich. Der Hühnersong bleibt aber auch weit über die NS-Zeit hinaus als Evergreen präsent, und die Feier des gemütlichen Hühnerlebens setzt sich im Alltagsbewusstsein fest. Dabei fällt natürlich völlig unter den Tisch, dass die Existenzbedingungen des über Jahrtausende domestizierten Ritus- und Nutztiers Huhn einen tiefgreifenden Wandel durchgemacht haben, seit es ab etwa 1850 im Anschluss an Mendel und Darwin zum Triumphzug von Rassekreuzungen und Hybridrassezucht gekommen ist und sich ab 1900 industrielle Methoden der Fleisch- und Eierproduktion durchgesetzt haben. Das Leben stellt sich seitdem für die auf Legebatterie oder Mast optimierten Vernutzungstiere alles andere als gemütlich dar. Gewissermaßen als Strafe für diese Ungenauigkeit im Filmsong mausert sich der gallische Hahn in der Folge zu einem Propagandatier der französischen Résistance, das dem preussisch-deutschen Besatzer-Adler entschlossen Paroli bietet.

 

coq goulois

Im Hintergrund zeigt der gallische Hahn dem preußischen Adler, was eine Harke ist.

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Donnerstag, 9. Februar 2012

Dame, König, As, Spion. Sehenswert sind insbesondere die Szenen, in denen die Spione/Profis/Männer sich auf der Betriebsfeier vielsagend anlächeln oder den Blick abwenden oder beides in wohldosiertem Einsatz hintereinander. Sie meinen, einander erkennen und einschätzen zu können. Aber sie verstehen kaum etwas. Und alles, was sie wissen und womit sie mehr schlecht als recht umgehen können, sind schmutzige kleinen Geheimnisse, die sie hüten und an denen das Schicksal der Welt hängen soll. In Wahrheit spielt aber alles auf der Ebene von Schülerparty-Possen. Nur dass hier für das Banale einmal mehr allenthalben gestorben und gefoltert wird.

Darkness. Auf Wikipedia kann man nachlesen, dass man es zwar eigentlich nicht genau weiß. Vorstellbar sei aber, dass ein Huhn an die fünfzig Jahre alt werden könnte, lebte es unter ihm gemäßen Bedingungen. Allein beim deutschen Marktführer auf dem Gebiet der Geflügelzucht und -Verarbeitung, der PHW-Gruppe, werden jede Woche um die 4,5 Millionen Hähnchen geschlachtet, die in der Regel eine Existenz von ungefähr 30 Tagen Mast hinter sich haben. Die Zahl von 45 Milliarden Schlachtungen weltweit pro Jahr für 2010, die der Wikipedia-Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, braucht man dann eigentlich schon gar nicht mehr nennen.

Lichtblick. Immerhin steigt die Temperatur in Berlin heute zum ersten Mal seit bestimmt vierzehn Tagen wieder bis auf null Grad an. Zumindest mittags kurzfristig.

 

innenstadt

Strahlendes Winterwetter im Spiegel neuester Berliner Architektur. (c) H. Heiland

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