— weltwundern.net

Archive
Tag "Homs"

Ostersonntag, 8. April 2012

Liturgie. Wer nach nur viereinhalbstündiger Fahrt seinen verkrampften Zivilisationskrankheitenkörper zur Lockerung aus dem Fahrzeug wuchtete und in Form zurück schüttelte, konnte selbstverständlich auch zwei Tage nach Karfreitag nicht nachfühlen, wie sich drei Tage Aufgehängtsein am Kreuz im Einzelnen auf Organe und Allgemeinzustand auswirken mussten. Avi erinnerte sich, unter anderem einmal von Schultergelenken gelesen zu haben, die irgendwann nicht mehr halten wollten, ermahnte sich dann aber, an anderes zu denken. Im Nachrichtenfernsehen hatte es am Abend zuvor neue Bilder aus Homs und weiteren syrischen Städten gegeben, gefangene Männer, die von Soldaten getreten, und Leichen, die an Straßenecken abgelegt worden waren. Der Countdown in Richtung Beginn der Waffenruhe lief. In Iztapalapa, Mexico DF, verfolgten derweil Millionen Gläubige und Schaulustige die lebensechte Darstellung des Passionswegs Jesu durch David López, 23. Entgegen den Gepflogenheiten von vor hundertneunundsechzig Jahren, erklärte der Nachrichtensprecher, würden den Christus-Imitatoren heutzutage allerdings keine wirklichen Nägel mehr durch Hände und Füße getrieben. Man merkte: Mit der Zeit wurde auch die katholische Welt zu einem immer besseren Ort. Und dann war es ja auch schon wieder an der Zeit aufzuerstehen.

Read More

Dienstag, 21. Februar 2012

Während in den Feuilletons hierzulande die Debatte über Christian Kracht und die Methoden der Literaturkritik in die nächste Runde geht und ansonsten die Frage, ob Joachim Gauck all seinen taktischen Befürwortern als realer Bundespräsident doch noch auf die Füße fallen wird, die Printmedien beherrscht, liegt Homs seit 18 Tagen unter Beschuss durch die syrische Armee. Anscheinend mit Hunderten von Toten und Verletzten, für die es an medizinischer Hilfe genauso mangelt wie an Essbarem für die gesamte Stadt in Erwartung der Bodenoffensive.

Dass ausgerechnet Jonathan Littell am Ort des Geschehens ist (oder bis vor kurzem war) und von dort für die großen europäischen Zeitungen berichtet, verwundert kaum. Er schreibt über die Demonstrationen, auf denen eine “Atmosphäre grimmiger, verzweifelter Fröhlichkeit” herrscht: “Das Beeindruckende bei den Demonstrationen ist die Kraft, die von ihnen ausgeht. Sie dienen nicht nur als Ventil, zum Abreagieren der Tag um Tag angesammelten Spannung. Sie geben den Teilnehmern auch neue Energie, jeden Tag etwas mehr Kraft und Mut, um die Morde, die Verwundungen und Trauerfälle zu ertragen. Die syrische Revolution besteht – eine Seltenheit – weder allein dank der Waffen der FSA noch nur dank des Mutes der Aufständischen, sondern auch dank der Freude, dank Gesang und Tanz.” Ob sich das bis heute fortsetzt ist fraglich. Littell berichtet auch über die Versuche der Aktivisten, das sie umgebende Grauen aufzuzeichnen und der Welt mitzuteilen. “Westliche Medien verwenden nur sehr wenige dieser Quellen, wegen Zweifeln an ihrer Verlässlichkeit. Doch stellen diese manchmal wackligen Bilder, die in unmittelbarer Nähe der vom syrischen Regime begangenen Gräuel aufgenommen werden, eine unschätzbare Informationsquelle dar – das Werk von Leuten, die dabei tagtäglich ihr Leben riskieren. Dazu sagt mir einer der Aktivisten eines Abends: ‘Unsere Eltern wurden von der Angst unterdrückt. Wir haben die Mauer der Angst durchbrochen. Entweder wir siegen, oder wir sterben.'”

Avaaz.org ruft zur Unterzeichnung einer Petition auf, deren Ergebnis am 24. Februar in Tunis den Druck auf die Delegierten der von Mitgliedern der arabischen Liga initiierten internationalen Konferenz zur Lage in Syrien in Richtung eines entschlossenen politischen Handelns erhöhen soll.

Read More