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Tag "Gewalt"

Heli_poster

 

Dass Köpfen, Foltern und Morden nicht nur Sharia-konform und mit Bezug zum IS-Kalifat geht, sondern auch ganz profan aus Habgier, zur Selbstbestätigung oder im Rahmen einer von Kindesbeinen an eingeübten schlechten Realität, ist nicht ganz neu. So eindrücklich und vom Gegenstand nicht mehr als nötig beeindruckt wie hier hat man die Möglichkeiten des Lebens unter ganz und gar verrohten Bedingungen im Kino aber kaum einmal vorgeführt bekommen. In ruhigen Bildern erzählt Heli mit starken Darstellern von kleinen Träumen, großer Abgestumpftheit, der Autoteilefabrik als trügerischer Hoffnung und der dünnen Decke aus Farbe, Volkszählung und Wäschemachen, die die Traumata notdürftig verdeckt.

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Dienstag, 3. April 2012

Man fragt sich vielleicht, woher zuletzt die moralisch überlegene Abgeklärtheit des Protagonisten kommt, der durch seine geile Triebhaftigkeit letztlich das Benzin und natürlich Geld getriebene Karussell der Eskalation befeuert und überhaupt in Gang setzt. Aber man kann es auch einfach als dem Genre geschuldet hinnehmen und sich freuen, dass mit Viva Riva ein Thriller seine Gewaltspirale mit unvermeidlich ins Edle überhöhter Liebesverwicklung einmal nicht im amerikanisch/europäisch/asiatischen Metropolenraum entfaltet sondern in Kinshasa. Das bietet dem hiesigen Zuschauer nicht nur eine andere Optik sondern transportiert bei aller Stilisierung auch ein Stück afrikanischer Lebensrealität fernab gutmeinender dokumentarpädagogischer Problematisierungen. Und wie überall heißt es zwischen mitunter schwierigen sanitären Bedingungen und mit Stolz zu Schau getragenen Luxus-Styles auch hier: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles …

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Montag, 26. März 2012

Dass es (wiederum Adorno) kein richtiges Leben gebe im falschen, ist sicherlich einer der meist missbrauchten Sätze einer kritischen Theorie, die sich ansonsten durch ihre Strenge und Unbedingtheit weitgehend der Vereinnahmung durch ideologische Staats- und Medienapparate entziehen konnte. Dass er dennoch nicht an Wahrhaftigkeit verloren hat, zeigt sich, wenn das theoretisch immer wieder nachzukonstruierende Allgemeine des Gesamtzusammenhangs Verbindungen mit Kräften eingeht, die ebenfalls ohne wissenschaftliche Begriffsbildung nicht kommunizierbar sind, aber dennoch im Realen konkrete, Furcht einflößende Spuren hinterlassen. Die Rede ist selbstverständlich von radioaktivem Niederschlag, anhaltender Strahlung, noch bevorstehenden Katastrophen in Reaktorblock 4 von Fukushima und einer von Regierung und Massenmedien exerzierten Politik der Herabspielung von Gefahren und Bedrohung.

 

Prybiat

Tschernobyl, 2009. (c) Marco Fieber (CC BY-NC-ND 2.0)

In Alexander Kluges bereits des Öfteren hier empfohlenem “fünften Buch” ist im Kapitel “Uralte Freunde der Kernkraft” in diesem Zusammenhang einiges zu nicht versteh- sondern allein beobachtbaren Wirkmechanismen nachzulesen, zur unvermuteten Bewahrheitung im Wortsinn daneben liegender Voraussagen, den Möglichkeiten der Evakuierung einer Metropolenregion von der Größe Tokios oder zur autonomen Vergesellschaftung von Rotten von Hilfsrobotern, sobald sie sich der Steuerung durch den Menschen entzogen haben. Auch zum Absinken des Aktualitätswerts der Ereignisse in Japan im Juni 2011, als sich unter anderem durch einen US-Gerichtstermin in der Affäre Strauss-Kahn andere Prioritäten in der weltweiten Berichterstattung ergaben, schreibt Kluge. Ergreifender noch ist aber der Bericht von Masako Hashimoto, den die taz heute unter dem Titel Das Krisenmanagement der Atomindustrie: Frau Hashimoto erzählt ein Lehrstück veröffentlicht hat. Sie berichtet aus dem konkreten Anleben Einzelner gegen den Verblendungszusammenhang des falschen Allgemeinen; tatsächlich ein Lehrstück, aber eins im Duktus eines Alfred Hitchcock. Passend, dass heute im friedlichen schweizer Aargau das Versagen einer Pumpe im Kühlsystem des derzeit weltweit dienstältesten Atomkraftwerks Benzau zur Abschaltung eines Reaktors geführt hat.

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Mittwoch, 21. März 2012

Mehr Licht. Nicht alles wird schlechter. Glaubt man den Erkenntnissen zweier Neuerscheinungen aus England und Frankreich, die Dan O’Brien für die Dublin Review of Books zusammengefasst hat, ist auf lange Sicht sogar das Gegenteil der Fall: Nie, so das Resümee seiner Lektüre von Steven Pinkers The Better Angels of our Nature: The Decline of Violence in History and its Causes und Robert Muchembleds A History of Violence, war die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, geringer als heute. Dabei untermauern beide Autoren die Zivilisierungsthese von Norbert Elias (die 1939 zu einem für ihre Glaubwürdigkeit denkbar ungünstigen Zeitpunkt erschien) mit reichem statistischen, historischen und evolutions-biologischen Material auf der Höhe der jeweiligen Forschungsdisziplinen – und mit Rechenspielen, die zwischen Gesamtzahlen und Relationen des Grauens unterscheiden: Wenn man so beispielsweise den Zweiten Weltkrieg (mit absolut selbstverständlich  den meisten Toten aller kriegerischen Auseinandersetzungen der Weltgeschichte) in Beziehung zur Größe der damaligen Weltbevölkerung setzt und dergestalt mit anderen Konflikten vergleicht, landet er bereits nur noch auf Platz neun der globalen Massentodeshitparade. Und auch die (bislang) weniger als 10.000 Toten in Syrien (bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 20 Millionen Menschen) erscheinen als statistische Verbesserung, wenn man sie in eine Reihe mit den Opferzahlen weniger Tage im Anschluss an Eroberungen von Städten in derselben Region im Mittelalter oder in biblischen Zeiten betrachtet. Das klingt zynischer als es gemeint ist; im großen Ganzen des Betrachtungshorizonts jedenfalls ist die Botschaft wohl klar: Es gibt nachweislich Entwicklungen, von der Sesshaftwerdung des Menschen über die Ausbreitung des Handels, die Schriftkultur und sogar das Fernsehen (dessen Auswirkungen auf die Verstärkung von Empathiefähigkeit nicht unterschätzt werden sollte) die von der Barbarei stolz-dumpfer Raubtiere in Richtung humanerer Vergesellschaftungsmodi weisen. Allerdings sind diese Tendenzen nie ungefährdet, und wie immer müssen vor allem die gegenläufigen Trends im Auge behalten werden.

Das BookForum stellt derweil unter der Überschrift War is a moral force neue Literatur zu Krieg, Kriegsführung, Kriegsrecht, Krieg und Kapitalismus und dergleichen zusammen. Interessant, aber eine wahre Flut von Materialien.

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