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Tag "Eigensinn"

Donnerstag, 31. Mai 2012

Auch wenn Entdeckungen wie Attenberg oder der Un-Certain-Regard-Vorjahres-Gewinner Dogtooth in letzter Zeit verstärkt Griechenland in den cineastischen Fokus der Aufmerksamkeit gerückt haben, kommt ein ganz großer Wurf jetzt endlich einmal wieder aus Amerika und der Welt des Starkinos: Moonrise Kingdome. Drei Jahre nach Der fantastische Mr. Fox und fünf nach Darjeeling Limited hat Wes Anderson sein Kino weiter verfeinert – und diesmal ein einzelnes, unhintergehbares Gefühl als Handlungsmotor in den Mittelpunkt der wieder im Ensemble durchgeführten Puppenhaussektion seiner absurden Erwachsenenwelten gestellt: die erste Liebe. Selbstverständlich ist das Ergebnis komisch, erhaben und mitreißend zugleich.

Im Tip-Interview erzählt Jason Schwartzman, auch die Arbeitsweise des Texaners habe sich zunehmend weg von den normalen Hollywood-Produktionsmustern hin zu Kleinteiligkeit, Kontinuität und Gemeinschaftserlebnis entwickelt: Das Ensemble wird von einem aufs Nötige reduzierten Team in Szene gesetzt, in dem Anderson die Fäden in der Hand und die Stränge zusammen hält. Wer am Set ist, ist dabei eigentlich immer in seiner Rolle, meist im Kostüm und in der Gruppe. Laut Schwartzman folgt der Regisseur beim Dreh einer Strategie der kontinuierlich kleinen Schritte, so dass sich eine permanente Bewegung ohne die sonst üblichen Phasen extremer Anspannung und dazwischen liegender Pausen ergibt. Klingt produktiv, und dem Ergebnis sind die Gelassenheit der Produktionsverhältnisse sowie der Spaß am gemeinschaftlichen Schaffensprozesse anzusehen. So sehr, dass Avis Kino-Begleitung, sonst eher nicht bekannt für spontane Begeisterungseruptionen, ihn fragte, ob das denn nun auch der allerbeste Film gewesen sei, den er jemals gesehen habe.

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Montag, 12. März 2012

Barbara_Plakat_Preis_druck(c) Schramm Film

Selbstverständlich ist Christian Petzolds Barbara tatsächlich so großartig wie erwartet. Angeleitet von persönlichen Erinnerungen und Vorlieben (Herrmann Brochs zugrunde liegende Novelle “Barbara” von 1936, aber auch Howard Hawks “To Have and Have not” oder Fassbinders “Händler der vier Jahreszeiten”), angereichert durch Erfahrungen der Schauspieler und getragen von einer Nina Hoss, der Zerissenheit und Isolation in Körper und Gesicht eingeschrieben sind, ergibt sich ein Glücksfall für den Film – und, nach allem, was man liest, der Optimalfall einer für die Teilnehmer beglückenden Produktion. So möchte man arbeiten, das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu den eigenen Figuren entwickeln und gegen jede Wahrscheinlichkeit doch zwischendurch auch zu einer Aussage kommen wie: “Mir gefällt es hier!” Denn wie immer ist nicht das andere, ferne unbedingt das bessere und lebendigere, sondern es sind die den Handelnden innewohnenden Kräfte von Zartheit und Eigensinn.

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Mittwoch, 7. März 2012

Dem Werk – oder wem auch immer – hilft ein bestimmter Schmerz vielleicht tatsächlich. Zumindest aber ein gewisses Maß an gemachten Erfahrungen, die mit einfließen und spür- oder sichtbar werden. Wie in Gesichtern, wenn sie nicht mehr ganz jung oder künstlich gestrafft und bearbeitet sind. (Zur Seite des Zugriffs ein andermal mehr …) Hier ist Porträt 2: Thore

Tel Aviv. Eine halbe Stunde später versank die Sonne im Meer und nach weiteren fünfzehn Minuten war es stockdunkel. Henning zog die Schuhe aus und lief die paar Schritte vor ans Wasser. Es war angenehm warm. Kurz überlegte er, ob er noch baden gehen sollte, entschied aber, dass das zu anstrengend war. Stattdessen setzte er sich vor eine der Strandbars mit ihren schick illuminierten Außenbereichen und trank zwei teure Bier. Zu beiden rauchte er je eine Zigarette. Dabei bemühte er sich, seinen Kopf nicht so sehr klar als vielmehr leer zu kriegen. Er wollte nur sitzen, den auffrischenden Wind auf der Haut spüren und nicht darüber nachdenken, wie sich sein Leben in den letzten Wochen entwickelt hatte oder warum oder was er unternehmen konnte. Als der Kellner, ein junger, gebräunter Surfer mit halblangem, sonnengebleichtem Haar kam, um sich zu erkundigen, ob er noch ein Gold Star bringen solle, sagte Henning, dass er zahlen wolle. Der Junge, der nicht viel zu tun hatte, da das Areal mehr oder weniger verlassen dalag, kassierte ihn ab, bedankte sich für sein Trinkgeld und blieb noch einen Moment bei ihm stehen. Er fragte, ob Henning aus Italien komme. Henning sah ihn an und sagte ja.

 

sonnenuntergang

Feierabend in Tel Aviv. (c) H. Heiland

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Freitag, 17. Februar 2012

Utopie und Stahlgewetter. Gestern ist Christian Krachts neuer Roman “Imperium” erschienen – selbstverständlich begleitet von den  obligatorischen feuilletonistischen Schlammschlachten zum Autor und seiner mindestens nihilistischen Haltung. Im Spiegel wird der eher schmächtige Weltenbummler von Georg Diez gar zum “Türsteher der rechten Gedanken” stilisiert – was eine Solidarisierung namhafter Kollegen und einen offenen Brief an die Spiegel-Chefredaktion nach sich zieht, da man das Ende jeder literarischen Phantasie nahen fühlt. Jörg Magenau stuft das Buch im Tagesspiegel als über seinen Protagonisten in der Realgeschichte verankerten nicht unflotten parodistischen Abenteuer-Dampfer ein, “der die Wellen des Pazifiks durchpflügt, dort aber ganz bestimmt keinerlei Spuren hinterlassen wird”. Weil in seinem Zentrum nichts ist als Leere. Das zeichnete sich bereits im letzten Werk des Autors ab, in dem aus Versatzstücken seiner Totalitarismen eine recht beliebig anmutende alternative Geschichte des 20. Jahrhunderts konstruiert wurde, die in ihrem entschlackten Manierismus nirgendwohin führte. Und schon gar nicht an die erzählerische Wucht von “Faserland” oder “1979” anknüpfen konnte.

Dann doch lieber Alexander Kluges Fünftes Buch. Das kommt unaufgeregt daher und opulent, eine Sammlung von 402 Geschichten über das “Rumoren der verschluckten Welt”, über Durcheinander, Eigensinn, “die Unverwüstlichkeit von menschlicher Arbeit und von love politics” – eben alles, was man in Betracht ziehen muss, wenn man sich mit der unsichtbaren Schrift verknüpfter Lebensläufe beschäftigt.

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