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Nichts ging. Noch immer stand die Straßenbahn; nach wie vor sah Henning direkt auf die Leiche hinab. Es war ein Verkehrsunfall gewesen. Ein Mann war in der Dunkelheit des Morgens direkt vor ein Auto gelaufen. Sein Körper hatte dem Aufprall auf die in Beschleunigung begriffene Karosserie nicht standhalten können; der Aufschlag auf die starre Härte des Asphalts Sekundenbruchteile später gab ihm den Rest. Jetzt war er tot. Jedenfalls rührte er sich nicht und verursachte einige Aufregung im einsetzenden Berufsverkehr. Durch die mit Werbung teilbeklebte, vom Schneeregen nasse Scheibe war es Henning unmöglich, das Gesicht des Verunglückten zu erkennen. Den größten Teil der Zeit über wurde es außerdem von den Rücken anderer Personen verdeckt, die sich um die Unglücksstelle scharrten oder zwischen Unfallwagen, Fahrer und Opfer hin- und herliefen. Henning presste, um das Geschehen besser verfolgen zu können, die bemützte Stirn ans kalte Glas, als auf einmal eine Frau, die in etwa in seinem Alter sein mochte, herbeistürzte, um sich auf den Leichnam zu werfen. Voller Inbrunst klammerte sie sich an den Toten, als könne sie ihn durch ihre Kraft fest und im Leben halten. Henning gelang es nicht, den Blick von diesem alles Übrige relativierenden Schauspiel abzuwenden. Dabei hätte er, nachdem die erste Welle der Neugier abgeklungen war, schon aus Pietät nichts lieber getan. Niemand in der Bahn sagte etwas. Wenn ich mehr ich wäre, dachte Henning, würde ich etwas empfinden, das die Distanz zwischen mir und den Ereignissen aufhebt. Dann endlich, nach langen Minuten kamen zwei Sanitäter, lösten die Frau von dem leblosen Körper und führten sie mit sanfter Gewalt fort. Ein dritter deckte den Leichnam mit einer Plane zu, und schließlich setzte sich die Bahn wieder in Bewegung. Einer nervösen Gewohnheit folgend zupfte Henning Schal und Jacke zurecht.

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“Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuss selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, ‘sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung’ könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden.”

Adorno, Minima Moralia

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“Als ich dann vor dem Gebäude den Central Park West entlangging, schaute ich hinüber zu den Bäumen, deren Blätter sich bereits voll entfaltet hatten, und empfand ein Gefühl von unsäglicher Fremdheit. Am Leben zu sein ist unerklärlich, dachte ich. Das Bewusstsein ist unerklärlich. Nichts auf der Welt ist normal.”

Siri Hustvedt, Was ich liebte

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Bens Stimme versiegte an ihrem Ohr. Von der plötzlichen Stille aufgeschreckt, wandte Annika den Kopf in seine Richtung; versuchte ein Lächeln und merkte, wie sie rot wurde.

Andere Städte, andere Sitten, probierte sie auf gut Glück, erkannte aber an der Art, in der Bens Gesicht einfror, dass sie den Ton nicht getroffen hatte.

Ben lehnte sich zurück. Die Lippen fest zusammengepresst betrachtete er sie mit einem Stirnrunzeln.

Hast du mir überhaupt zugehört?

Hatte sie nicht. Also zunächst schon. Aber dann waren ihre Gedanken, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können, zu Paul abgewandert und dem, was er noch vor wenigen Stunden mit ihr angestellt hatte. Dabei wollte sie nicht über ihn nachdenken, weil sie wusste, dass das keinen Sinn hatte. Lieber wollte sie zu ihm gehen und da weitermachen, wo sie zuletzt aufgehört hatten.

Äh, ich glaub, ich brauch noch einen Kaffee, sagte sie.

Ben seufzte, sah sich dann aber nach der Kellnerin um und winkte ihr. Er war ein guter Typ, dachte Annika, derjenige von ihren Freunden, zu dem sie auf gewisse Art immer aufgeschaut hatte. Weil da etwas an ihm war, eine durchaus attraktive Rigorosität in seiner Einstellung gegenüber der Welt, die ihn hervorhob aus der Menge der prinzipiell Gleichgeschalteten. Kurz vor Weihnachten war er in eine neue Stadt gezogen; jetzt war Annika zum ersten Mal für einige Tage bei ihm zu Besuch. Und hatte sich gleich am zweiten Abend in einen fünfzehn Jahre älteren Fotografen verliebt. So etwas passierte. Ben bestellte den Kaffee und sprach über anderes. Wenig später zahlte er, und sie traten auf die Straße, in der die Gesichter im Licht der ersten Sonne ihre Winterhärte verloren hatten. Den Schlagzeilen zum Trotz erwachte auch in diesem Jahr das Leben und stellte seine Forderungen. Sie verabschiedeten sich für den Tag, und als Annika eine knappe Woche später zurück in Bens Wohnung kam, um ihre Sachen zu holen, war er nicht da. Auch telefonisch erreichte sie ihn nicht. Sie sahen sich nie wieder.

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“Nicht wenigstens zu ahnen, was aus einem System der Ausbeutung wird, wenn alles ausgeplündert ist, was auszuplündern war, bedarf es schon eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre.”  So Hermann L. Gremliza in Kriegsbewegung, dem Leitartikel der konkret, März 2016.

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Das leere Zentrum der Vernunft – und nicht etwa ihr Schlaf – gebiert die durch und durch rationalen Monstren von Menschenhandel, Folter und Rackets aller Orten. Besonders drastisch ist das seit Jahren in Mexiko zu besichtigen, das in Teilen mehr und mehr einer Splatter-Phantasie Tarantinos zu gleichen scheint.

Wer sich mit der Tendenz der Berichterstattung, jeden neuen Mord wie eh und je unter der Rubrik “Drogenkrieg” zu verbuchen und ihn so zu den Obskuritäten-Akten aus einer fernen und unverständlichen Welt zu legen, nicht zufrieden geben will, kann den gewaltätig aktuellen Stand der Dinge in Antonio Ortuños wuchtigem Roman “Die Verbrannten” nachlesen. Darin erfährt die Protagonistin das Zusammenspiel von Bandenkriminalität, staatlichen Akteuren und zu massenhaft verfügbarer Ware entmenschlichten Migranten auf verschiedenen Ebenen hautnah, womit nicht nur ihr, sondern auch der Leserin und dem Leser einiges zugemutet wird.

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… hieß ein Wandgemälde von Ronald Paris im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Jetzt plant die “Initiative Haus der Statistik” unter dem vergleichsweise nüchternen Motto “Zivilgesellschaft gestaltet Stadt” die Um- und Weiternutzung der ca. 40.000 Quadratmeter Nettofläche.

Entstehen soll eine Mischnutzung: Wohnen für Geflüchtete, Studierende, Senioren und andere plus Arbeitsräume für geflüchtete und Berliner Künstler und Kulturschaffende; dazu sind Bildungs- und Integrationsprojekte sowie Veranstaltungsräume geplant. Die Betonskelettarchitektur lässt die notwendigen Umbaumaßnahmen nachweislich problemlos zu. Unterkünfte für bis zu dreitausend Geflüchtete könnten relativ zeitnah bereitgestellt werden. Wohnraum für Einkommensschwache, günstige Ateliers und Projekträume entstünden mitten im Stadtzentrum.

So würde nicht nur eine beispielhafte Antwort auf brennende stadtentwicklungspolitische Fragen gegeben, sondern auch ein Ort im Zentrum einer Metropole geschaffen, der an die Freiheiten des Berlin der neunziger Jahre anknüpft und in dieser Größenordnung weltweit einzigartig und Präzedenzfall wäre. Ein riesiges Areal im Herzen der Stadt würde Kommerzialisierung, Gentrifizierung und Uniformität ohne größere Kämpfe entzogen.

Mit im Boot sind von der Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser und dem Zentrum für Kunst und Urbanistik über den Atelierbauftragten Berlin, die Initiative Stadt Neudenken oder die Stiftung Zukunft Berlin auch der Bezirksbürgermeister von Mitte, Dr. Christian Hanke, der Kulturstaatssekretär Tim Renner (so heißt es wenig überraschend) und die BVV Mitte.

Da wäre es, die normalen Berliner Verhältnisse in Betracht gezogen, doch gelacht, wenn sich nicht plötzlich irgendein Player – Senat oder BImA wären vorstellbar – querstellte, um beispielweise einem Verwaltungskomplex den Vorzug zu geben. Aber vielleicht sind die Zeiten so normal ja gerade nicht.

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Paul zündete sich eine Zigarette an. Es war ein Abend im Kulturbetrieb zwischen mit Weingläsern und Bierflaschen bewaffneten Menschen. Großformatige Fotografie hing an den Wänden, im Foyer legte ein DJ auf. Vor der Tür, wo er mit mehreren anderen zum Rauchen stand, wehte der Wind bereits herbstlich. Rivka war seit einer Woche in Tel Aviv bei ihrer Tante. Seit sie weg war, fühlte Paul sich überraschend verloren. Kam nicht zum Arbeiten, war von Unruhe getrieben, musste unter Leute. Rausgehen. Sehen, was die Kollegen machten und die Kunst. Die Kultur im Großen und Ganzen. Die Stadt. Leben.

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