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elbphilharmonie

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Dienstag, 16. Oktober 2012

Bereits nach zwei Jahren, sagen Schätzungen berufener Experten, sei bei mindestens 80 Prozent aller Lottogewinner der Reichtum verprasst; ein Gutteil der kurzfristig Triumphierenden finde sich sogar zerstörter und kaputter wieder, als sie es im alten Leben vor Einbruch des Reichtums gewesen wären (so zum Beispiel die FAZ bereits vor sieben Jahren; noch heute erscheint der Eintrag bei Google auf die Anfrage “statistik lottogewinner” übrigens auf dem 3. Rang. Das Thema beschäftigt also weiterhin).

Diese Art der Konsens- und Trivialmythologie zum Thema “Wundersamer Ausstieg aus Klasse und prekärer Situation” scheint weit verbreitet und geteilt. Dahinter verbirgt sich nicht zuletzt der Wunsch, dass es auch so sein solle. Dass das ungnädige Schicksal es mit den armen Gewinnern eben nicht anders als böse meinen dürfe und könne.

Und selbstverständlich bedeutet die Einsicht in seine Bösartigkeit dem Spieler zugleich die Hoffnung, dass das Schicksal in naher Zukunft ja endlich zum finalen Schlag gegen ihn, den von Gang der Dinge sowieso schon immer gegängelten, ausholen – und durch einen enormen Lottogewinn den Einstig in seinen finalen Untergang einleiten könnte. In der Folge würde der solchermaßen Geschlagene dann durch heroische Arbeit am Selbst allen Widrigkeiten zum Trotz zuletzt derjenige sein, der jenem Schicksal eben doch standhielte und ihm sein wohlverdientes Schnippchen schlüge. – Das versteht sich zwar nicht von selbst, ist aber doch die lebenserhaltende Hoffnung all jener, die Woche für Woche ihre Kreuzchen machen. Zumal in Zeiten, in denen die Schlupflöcher aus den sich zunehmend ungemütlicher gestaltenden Verhältnissen seltener und enger werden. Und keine noch so heldenhafte Selbstbearbeitung mehr ausreicht, die eigene Position aus eigener Kraft zu verbessern.

Daran arbeitet aber – und zwar erfolgreicher denn je, wenn man der aktuellen Jungle World hier Glauben schenken darf – eine neue, starke Flüchtlingsbewegung. Christian Jakob berichtet in seinem Artikel “Auf der Flucht und in der Offensive” gar, dass es scheine, als “habe mit dem Marsch und der »Tent Action« die gesamte Szene [aus sonst eher nebeneinander oder gar gegeneinander agitierenden Gruppen von Aktivisten mit migrantischem Hintergrund und Unterstützern] endlich das gefunden, wonach sie seit über zehn Jahren gestrebt hatte: einen gemeinsamen bewegungspolitischen Fixpunkt.”

Gleichzeitig seien hinsichtlich der staatlichen Flüchtlingspolitik seit einiger Zeit durchaus Verbesserungen festzustellen. So könne in Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes das diskriminierende Asylbewerberleistunggesetzt heute tatsächlich kurz vor dem Aus stehen. Und auch Residenzpflicht, Heimunterbringung und Sachleistungen gehören nach dieser optimistischen Lesart bald vielleicht schon der Vergangenheit an. Aber selbst wenn das noch Zukunftsmusik ist und die Schritte auf dem Weg dorthin kleiner ausfallen als erhofft: Neben den unmittelbar durch die deutsche Rechtspraxis Betroffenen werden wahrscheinlich einige im historischen Umfeld des sogenannten Asylkompromisses politisch sozialisierte Menschen das Signal vernehmen, dass sich manchmal – mit viel Engagement und Einsatz – Dinge eben doch ein Stück weit ändern lassen. Wenn sie so etwas denn noch hören.

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Mittwoch, 18. April 2012

Freiheit, sagte der Präsident auf die Frage, was wirklich zähle. Damit meinte er das Recht der Alteingesessenen und Stärkeren, sich nicht in ihrer Stärke beschneiden lassen zu müssen. Frieden, sagte der Dichter und meinte die Aufgabe eines Staates, der zum Schutz seiner Bürger vor weltweiter Verfolgung geschaffen wurde. Liebe, sagte der Familienvater in der vagen Hoffnung, sich noch einmal aus dem selbstgeschaffenen Verantwortungsgefängnis stehlen zu können und die Gelegenheit zu erhalten, sich an jüngeren Körpern zu beweisen.

Udo Jürgens fasst zusammen: Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld!

Aber diese Welt ist ja auch ansonsten mitunter ein seltsamer Ort. Und vielleicht ist seine Antwort auch gar nicht als Kommentar zur aktuellen Urheberrechts- und Prekarisierungsdebatte zu verstehen.

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Ostersonntag, 8. April 2012

Liturgie. Wer nach nur viereinhalbstündiger Fahrt seinen verkrampften Zivilisationskrankheitenkörper zur Lockerung aus dem Fahrzeug wuchtete und in Form zurück schüttelte, konnte selbstverständlich auch zwei Tage nach Karfreitag nicht nachfühlen, wie sich drei Tage Aufgehängtsein am Kreuz im Einzelnen auf Organe und Allgemeinzustand auswirken mussten. Avi erinnerte sich, unter anderem einmal von Schultergelenken gelesen zu haben, die irgendwann nicht mehr halten wollten, ermahnte sich dann aber, an anderes zu denken. Im Nachrichtenfernsehen hatte es am Abend zuvor neue Bilder aus Homs und weiteren syrischen Städten gegeben, gefangene Männer, die von Soldaten getreten, und Leichen, die an Straßenecken abgelegt worden waren. Der Countdown in Richtung Beginn der Waffenruhe lief. In Iztapalapa, Mexico DF, verfolgten derweil Millionen Gläubige und Schaulustige die lebensechte Darstellung des Passionswegs Jesu durch David López, 23. Entgegen den Gepflogenheiten von vor hundertneunundsechzig Jahren, erklärte der Nachrichtensprecher, würden den Christus-Imitatoren heutzutage allerdings keine wirklichen Nägel mehr durch Hände und Füße getrieben. Man merkte: Mit der Zeit wurde auch die katholische Welt zu einem immer besseren Ort. Und dann war es ja auch schon wieder an der Zeit aufzuerstehen.

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Donnerstag, 15. März 2012

Medien und so. Um pünktlich zu Buchmesse und Frühlingsanfang auf den aktuellen Stand der umgebenden deutsch-lebensweltlichen Banalität zu gelangen, reicht heute ein knapp viertelstündiges Studium der Presseschauen auf perlentaucher.de. Nach dem Roman verkommt laut FAZ das Sachbuch zur lahmen Ego-Bekenntnisliteratur, wobei in vielen Fällen das “ich”-Sagen der Autoren allein schon eine Unverschämtheit darstelle; das Berliner Wachsfigurenkabinett sorgt mit einer lebensgroßen Anne Frank-Nachbildung für einen weiteren Schub der Verkitschung des Gedenkens an die Shoa, berichtet die Jüdische Allgemeine; und Jan Böhmermann und Charlotte Roche reihen sich für die Jungle World mit ihrer neuen Show auf ZDF.kultur in die anhaltende und alles zu einem großen kulturellen Einheitsberei verklumpende Retrowelle ein. Nicht von ungefähr ist das wiederum über die FAZ verlinkte Musikvideo in der “Heute in den Feuilletons”-Spalte ein angeblich drogenschwangerer Liveauftritt von Can im Siebzigerjahrefernsehen. Und schon Wolfgang Fritz Haug pflegte früher bei jeder Gelegenheit darauf hinzuweisen, in welch “kleiner Zeit” wir doch lebten (verglichen mit der Brechts und Gramscis – wobei er wahrscheinlich den Kraut Rock mit in seine Klage einschloss. Und das geht natürlich gar nicht).

Verwechslungen. Andererseits wich Avis Wut über die Anmaßungen dergestalt reaktionärer Kulturkritik, die nicht nur die größeren politischen Zusammenhänge ausblendete, sondern auch ganz generell nicht verstand, dass jedes Leben in seiner Zeit als einzigartiges gelebt, betrachtet und in seiner eigenen Sehnsüchtig- und Bedürftigkeit respektiert werden musste, auf seinem nachmittäglichen Streifzug durch Mitte einer diffusen Melancholie. Auf der Suche nach einem passenden Drehort war er einer sentimentalen Regung in diese überall von Erinnerungen triefende Stadtecke gefolgt, und insbesondere der Blick aus der Tucholsky- auf das lang schon modernisierte Haus Auguststraße 75, in dem er sozusagen einmal in der Stadt gelandet und angekommen war, bescherte ihm das Gefühl einer ihn unvorbereitet treffenden Raum-Zeit-Entkoppelung mit jäher Ahnung davon, was Vergänglichkeit bedeuten konnte. “Und wie wär’s, wenn wir doch bleiben?” fragte von der gegenüberliegenden Straßenseite das Plakat einer Unterstützerkampagne für den Schokoladen. Keine Ahnung, dachte Avi. Und bemerkte, wie Hannes Wader, den er dazu keinesfalls eingeladen hatte, in seinem Kopf antwortete, ihm sei längst klar, dass nichts bleibe, wie es war.

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Freitag, 9. März 2012

Natürlich muss man auch (oder vielleicht gerade?) hierzulande darauf schauen, woher die Informationen, die einem medial ständig um die Ohren gehauen werden, überhaupt kommen – und wem sie nutzen. Zu Libyen und den NATO-Luftangriffen gegen das Regime Gadaffis umreißt das Ullrich Gellermann in seiner Rationalgalerie: der deutsche Presserat als Schmock des Monats. Und auf Deutschlandradio Kultur beschäftigen sich Denis Scheck und seine Runde im Kritikergespräch einmal mehr mit Christian Krachts “Imperium”, Kritik als Gedankenpolizei und dem Spiegel als Zimmerflak der Literaturkritik.

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Freitag, 24. Februar 2012

Blick auf die Welt. Viel Differenziertes hat Sabine Kebir zu Syrien zu sagen: Wer ist eigentlich das syrische Volk, wer will was, was ist zu tun, welchen Rückhalt hat das Regime in der Bevölkerung, wie hoch ist der bislang praktizierte Laizismus einzuschätzen, wie verhalten sich die Bevölkerungs- und Religionsgruppen zueinander, was würde ein Eingreifen der NATO bedeuten, wie ist die Gefahr eines lang anhaltenden Bürgerkriegs zu bewerten? Fragen über Fragen – die sich nicht problemlos in Medienmaschinen einspeisen lassen, um einfache Antworten zu generieren. In jedem Fall ist es aber gut zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die ihren Gramsci kennen, Politik historisch einzuordnen in der Lage sind – und sogar Foren finden, ihr Wissen und ihre Zweifel zu publizieren.

Verwechslungen. Um dann zum Gauck doch noch wenigstens einen Kommentar zu verlinken: Ebenfalls auf Weltnetz TV kann man Ulli Gellermanns Einlassung Ein Alptraum von Freiheit anschauen, Untertitel: Die Gauck-Maschine walzt alles platt. Oder man liest sie in seinem sowieso immer empfehlenswerten Blog Rationalgalerie nach.

 

nebel

Häufiger sieht man vor lauter Wald die Bäume nicht. (c) H. Heiland

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Sonntag, 19. Februar 2012

W. geht geht über den Savignyplatz. Er schreitet. Wolken ziehen über ihn hin. Er atmet durch und Welt ein. Große Welt, weite Welt. Für W., der aus beinah klerikalfaschistischer Enge kommt, ist die Mauerstadt der 80er das Reich der Freiheit und Schrankenlosigkeit. Als Künstler tritt er in einen Konzern ein und verquickt das Gute seines eigenen wilden freien Lebens und seine Geschichte mehr und mehr mit dem Geschick der Firma. Fragen nach der Verstrickung seines Brotgebers in die Politik des NS-Staats greifen ihn bald schon persönlich an.

Natürlich ist es rückblickend ein Glück, dass “Hartzvorland” damals nicht publiziert worden ist. Zu skrupellos persönlich war die Anlage schon im Exposé geschildert. Ohne wirkliche Idee davon, was aus dem eigenen Leben zu veröffentlichen sein könnte und was nicht. Die Lehre: Übergriffe des Nachtlebens auf den Tag werden hier genauso ausgeblendet wie Umfeld und Befindlichkeiten des Autors, wenn sie sich nicht auf Arten der Bearbeitung von Welt beziehen. Dennoch hier eine Empfehlung, die ich nicht unterschlagen möchte: Musik 2-3-4

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Dienstag, 14. Februar 2012

Valentinstag, heute wäre meine Oma väterlicherseits 100 Jahre alt geworden. Aber das nur am Rande. Unausgeschlafen, da ich nicht nur die erste Staffel von “Sons of Anarchy” zu nachtschlafender Zeit zum Abschluss und hinter mich bringen musste sondern auch noch den ersten Draft für das Kapitalismuskinderbuch. Das ist ja immer der Drang: Abarbeiten, fertig machen, weg damit. Damit es aus dem Weg ist und die Sicht wieder frei. Nach Marcuse (heute wird mal wirklich tief in die Mottenkiste gegriffen) sicher als Hang in Richtung Todestrieb zu dechiffrieren; die weitere Verengung des Libidinösen (des Lebens) auf den Abschluss. Wo doch Spannung und Durchführung, der Weg mit seinen Windungen (Paul McCartney) und nicht das statische Ziel das wesentlich zu erlebende sein sollten.

Frei von solchen Verengungen ist dieses Fundstück aus den Tiefen der ZDF-Mediathek (sic!), das mir soeben zugespielt wurde (Dank dafür): Papal-Broken-Dance

 

mitte chic

Nach all den Jahren: So sehen Orte für Abschlüsse und Anbahnungen in der so genannten Mitte-Ökonomie noch heute aus. (c) H. Heiland

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