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Theorie und Praxis

Ob das Ende der Geschichte mit dem Jahr 1989 und dem Fall der Mauer akkurat markiert ist oder nicht, ist nicht das eigentliche Problem, um das es beim Symposium Theory and Politics Beyond Neoliberalism am ICI im Pfefferberg geht. Auch wenn die Jahreszahl vom Veranstaltungsplakat bis in die Vorträge hinein immer wieder prominent auftaucht. Vielleicht reicht es, dazu zu sagen, dass das Datum eine symbolische Anschreibung ist: der Punkt, an dem verschiedene Tendenzen, die sich seit dem zweiten Weltkrieg entwickelt und kontinuierlich verstärkt haben, kumulieren und einen Bruch oder einen Übergang in ein neues Regime bedeuten. Selbstverständlich nicht im Marxschen Sinn als Ende der mühseligen Vorgeschichte und Beginn der Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten, sondern eher als katastrophischer Hegelianismus.

Mit dem von Fukuyama als Gipfel der menschlichen ideologischen Evolution gefeierten Sieg der westlichen liberalen Demokratien kommt es zum Ende der Geschichte in einem ganz anderen Sinn. Der Triumph des Neoliberalismus bedeutet das ganz und gar zweckrationale zu sich Kommen des Weltgeistes. Vernunft und Historie werden insofern eins, als jedes Denken von Alternativen unters Verdikt der Unvernünftigkeit fällt. Nicht nur geschichtliche Entwicklung als solche, sondern auch die Geschichtsschreibung kommt an ihr Ende.

Unmöglichkeit von Zeitgenossenschaft

Das zumindest ist eine der starken Thesen von Boris Buden. Denn der Neoliberalismus kassiert nicht nur die emanzipativen Versprechungen den klassischen Liberalismus; in den so genannten post-kommunistischen Staaten löscht er die Erinnerung an das, was war, sich entwickelt hat und hätte sein können, buchstäblich aus. Ab 1989 geht es nur noch darum, den Vorsprung gegenüber dem Westen als dem siegreichen System, aufzuholen. Privatisierung und die Verwandlung aller Dinge und Beziehungen in Waren stehen auf der Agenda. Es geht darum, in der neuen Zeit anzukommen, denn die alte Zeit ist, wie nur wenige Jahre später die Berliner Band Mutter singen wird, tot. Zeitgenossenschaft ist für abgehängte Subjekte nicht möglich.

An die Stelle kritischer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit treten denn auch allenthalben ulkige Museen und folkloristische Themenparks. Anders als in Form ausgestellter Artefakte oder eindimensionaler Filme und Fernsehserien scheint eine Verständigung über Herkunft plötzlich nicht mehr möglich; Ziel und Richtung von Geschichte liegen in der Alternativlosigkeit der Politik des Hier und Heute.

Mit der Durchsetzung der Figur der Alternativlosigkeit verdrängt die Ökonomie die Sphäre Politik als solche und schafft sie in der Konsequenz ab. Während das vorherige fordistische Akkumulationsregime mit seiner keynsianistisch-wohlfahrtsstaatlichen Flankierung die Fähigkeit besaß, gesellschaftliche Konflikte zu deeskalieren, kennt der entfaltete Neoliberalismus keine Kompromisse mehr. Auch staatliche oder städtische Akteure verstehen sich nun in erster Linie als Unternehmer und handeln dementsprechend. Hierfür ist Trump lediglich das grellste Beispiel. Generell ist die Folge dieser Un-Politik die Verhärtung gesellschaftlicher Spaltungen und die Produktion Zurückgelassener oder Ausgeschlossener. Zwischen ihnen und den Eliten, aber auch zwischen den Eliten und Forderungen der Allgemeinheit, wie sie sich beispielsweise im Klimaschutz artikulieren, scheint kein Ausgleich möglich.

Public

Besonders frappierend ist dabei folgende immer wieder gemachte Feststellung: Auch Krisen – wie der weitgehende Zusammenbruch des Finanzsystems 2007/8 – scheinen der Allianz von Kapitalkonzentration und autoritärer Durchsetzung von Interessen der Stärkeren wenig anhaben zu können. Im Gegenteil funktioniert das Regime des Neoliberalismus im Status der Zombihaftigkeit augenscheinlich immer besser. Wie im Horrorfilm folgt Auferstehung auf Auferstehung, und mit jeder verschärft sich die Gangart.

Kopf und Stadt

Darüber, dass unser Denken zur Gänze von den Prämissen neoliberaler Zweckrationalität geprägt ist, sind sich die Vortragenden einig. Während Boris Vormann daraus vor allem die Forderung ableitet, gerade in den Wissenschaften neue Paradigmen zu erarbeiten und über die bestehende Totalität des neoliberalen Dispositivs hinauszukommen, zeigt Margit Mayer in ihrem Referat, wie sich die herrschende Ideologie räumlich und gesellschaftlich im städtischen Raum niederschlägt.

So fördert und verstärkt eine mehr und mehr an private Unternehmen und Finanzmärkte ausgelagerte Stadtpolitik die Ausbildung neuer städtischer Geographien, wie sie seit den 90er Jahren unter anderem von der Global City Theorie erforscht werden. Bezeichnend ist, dass in den Zentren und an wichtigen Knotenpunkten abgeschirmte und befestigte Inseln des Wohlstands entstehen, während die Ausgegrenzten zunehmend sich selbst überlassen werden. Zumindest so lang, bis sie an die Stadtränder oder – insbesondere bei dunkler Hautfarbe – gleich in Gefängnisse verdrängt und von in Agenturen umgewandelten ehemals staatlichen Akteuren unter Androhung von Strafe im Fall des nicht Kooperierens zu Objekten immer neuer Überwachung gemacht werden.

Auf der anderen Seite kann man seit der Finanzkrise gerade in den Metropolen, in denen die genannten Entwicklungen ungefilterter aufeinanderprallen als anderswo, das Aufkommen neuer Bewegungen beobachten. Besonders bei größeren Mobilisierungen wie denen des Arabischen Frühlings oder der Occupy-Bewegung konkurrieren in deren Aufbegehren gegen die Verhältnisse jedoch vielfältige Interessen und Positionen; und lange nicht von allen kann behauptet werden, sie zielten in Richtung Emanzipation und Befreiung. Im Gegenteil gebären auch sie nur allzu häufig autoritätsheischende Monstren oder neue Gewaltverhältnisse, deren offene Brutalität dann in der Regel die der ihnen vorangehenden Formen der Vergesellschaftung bei Weitem übersteigt.

Dennoch lassen sich – von Mieterkämpfen bis zum Sanctuary-Movement – weltweit Ansätze von Bewegung finden, die auf das vom Symposiumtitel beschworene Jenseits des Neoliberalismus weisen. Die Möglichkeiten, diese soweit zu stärken und zusammenzubringen, dass sie einen etwa mit 1968 zu vergleichenden Moment der Transformation herstellen könnten, sieht Margit Mayer allerdings mit einiger Skepsis. Zumal es sozusagen zur List von Geschichte (und Neoliberalismus) zu gehören scheint, dass am Ende möglichst doch alles im sich weiter beschleunigenden Bestehenden aufgeht, gerade auch das Widerständige. Das ist im Urbanen sehr deutlich dort zu erkennen, wo Besetzer- und Boheme-Flair auf lange Sicht zum Erfolg von Aufwertung und Gentrifizierung in von ihnen beanspruchten Stadtgebieten beitragen.

athen

Was also ist zu tun? Wie immer gibt es auf diese Frage keine wirklichen Antworten außer den hinlänglich bekannten. Also Gramsci: weiter um Hegemonie ringen, wo immer man sich sozial und mit seinem Wissen befindet. Gegen den Pessimismus des Verstandes den Optimismus des Herzens hochhalten. Oder wie Adorno es formuliert: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

Ganz klar kann Margit Mayer am Ende des Symposiums dagegen auf eine Frage aus dem Publikum antworten. Da möchte nämlich jemand wissen, ob es nicht sinnvoll wäre, zwischen unterschiedlichen Aspekten und Linien des Neoliberalismus – etwa zwischen Trump und Trudeau – zu unterscheiden. Das sei einfach, sagt Mayer. Die Antwort ist nein.

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Letzten Montag, vor dem Deutschlandspiel, daher immer mit Blick auf Uhr und Ende (auch eine Form der Beschleunigung): Die Akzelerationisten stellen bei Pro qm ihren Reader #Accelerate#2 (Spekulation) vor. Mit: Armen Avanessian, Robin Mackay, Patricia Reed, Alex Williams und Steven Shaviro.

Wer nach Lektüre des im Mai 2013 im Netz veröffentlichten ACCELERATE MANIFESTO mit seinen recht konkreten Schritten zur Etablierung einer antikapitalistischen Hegemonie (“First, we need to build an intellectual infrastructure …”) jetzt einen Bericht vom Stand der Dinge und der Bewegung erwartet hatte, wurde enttäuscht. Das raunende Insistieren darauf, dass der Begriff der Akzeleration ein häretischer sei, der seit den Tagen des frühen Marx durch die Theoriebildung geistere, hilft bei der Suche nach Strategien und Verbündeten ungefähr soviel wie das Bashing von Žižek und seiner Londoner “Idee des Kommunismus”-Konferenz.

Immerhin gut zu erfahren, dass kritische Theorie hier zur Kenntnis nimmt, auf welchen Wegen ihre potenziellen Adressaten heute erreichbar sein könnten: Da draußen bestimmen Laptops, Smartphones, Social Media und Hashtags das Kommunikationsverhalten! Ob dieses Wissen allein allerdings schon ausreicht, um sich mittelfristig an die Spitze von Innovation und Beschleunigung zu setzen und den Konzernen ihren Technologievorsprung zu entreissen, bleibt fraglich. (Vielleicht wäre ein erster tastender Schritt in diesem Zusammenhang, sich als nächstes Gadget zur Abwechslung mal ein fairphone zu bestellen?)

Auf die Frage nach dem konkreten politischen Nutzen des neuen Lables jedenfalls beharrt Steven Shaviro denn auch darauf, dass das Feld des Akzelerationismus für ihn eher im Ästhetischen zu liegen scheint. An Armen Avanessians  Stirnrunzeln ist abzulesen, dass er damit nicht für alle Anwesenden spricht.

Wie dem auch sei: Kurz vor zehn muss aus Rücksichtnahme auf die WM in Brasilien sowieso Schluss sein. Und – thanks to Steven Shaviro – nimmt man auf alle Fälle zwei Ideen mit in den angenehm lauen Abend: 1. Oscar Wilde lesen. Der war seiner Zeit bekanntlich voraus. 2. Noch mehr lesen: Dystopien von Richard K. Morgan.

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Mittwoch, 30. Januar 2013

Das hat ihm sicher Spaß gemacht. Und ist auch beim dritten Hören/Sehen toll: Schorsch Kameruns Unabhängigkeit ist keine Lösung für moderne Babies

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Freitag, 14. Dezember 2012

Nachdem die Zeiten der euphorischen Verschränkung von Nachtlebenkultur und Selbstausbeutung in so genannten kreativwirtschaftlichen Nischen zumindest für die ersten beiden Generationen allmählich vorbei scheinen, geht der Trend bei gereiften Protagonisten ganz offensichtlich zu neuen Formen von Freizeit-Buddhismus und Neo Schamanentum.

Hatte es Avi im Privaten bereits seit Jahren verwundert, dass einstmals politisch wache Köpfe sich seit Ende der Neunziger darauf verlegten, ihren Reise- und Lebenshedonismus (um deren ungefiltertes Ausleben man sie unter Umständen noch hätte beneiden können) mit krudesten Weltverschwörungstheorien kurzzuschließen, so war jetzt offensichtlich die nächste Welle im Anrollen: Lebensberichte von zu Neo Schamanen bekehrten Ex-Art-Direktoren mitten aus dem Zentrum der Agenturlandschaft. Und mit einiger Sicherheit konnte man annehmen, dass das, was Harald Renkel und andere bisher im Selbstverlag herausgaben, schnell auch von Publikumsverlagen als aktuelles Update eigentlich überholt geglaubter Trends entdeckt und breit vermarktet werden würde. Man google dazu bei Interesse selbst.

Oder – besser – man beschäftige sich mit der anderen Seite. In der Jungle World findet sich diese Woche ein interessantes Interview mit zwei Mitgliedern von Crimethinc, einem dezentralen anarchistischen Kollektiv, das sich unter anderem Gedanken darüber macht, wie in nachrevolutionärer Zeit mit Call Centern und anderen Auswüchsen des derzeitigen Kapitalismus umgegangen werden soll: “Das wird ganz anders aussehen als in den Phantasien der Leute vor hundert Jahren, als die Idee war, dass wir einfach die Fabriken für uns arbeiten lassen, dass wir einfach weiter Waren produzieren. Heute, da immer mehr Leute Dinge tun, die außerhalb des kapitalistischen Rahmens keinen Sinn ergeben wie beispielsweise Telefonmarketing, wird die Beschlagnahmung der Produktion tatsächlich viel destruktiver aussehen. … Es gibt keine natürliche Welt, zu der man zurückkehren könnte. Es wird keine primitivistische Zukunft gebeben, sondern eine Steampunk-Zukunft, in der all die vom Kapitalismus produzierten Trümmer einem Nutzen zugeführt werden.”

Im Gegensatz zum esoterischen Rollback in Berlin Mitte gibt es hier jedenfalls eine ganze Menge Bewusstsein in Bezug auf einige die Gegenwart prägenden Realitäten wie die mannigfaltigen Arten der Vergesellschaftung inmitten gleichzeitig existierender und zu überwindender Widersprüche. Vor allem aber dafür, dass die Inseln, auf denen sich von Dingen wie dem Ausstieg ins Schamanentum halluzinieren lässt, enger werden und umkämpfter. Was dann eben auch heißt, dass Felder, auf denen es keine Emanzipation, keine Revolution und keinen Fortschritt gibt, vom Faschismus besetzt werden können. Nachzulesen demnächst hier.

Apropos nachlesen. Hier noch der erweiterte Teaser zu irgendetwas ganz Großem, das irgendwann einmal kommen wird. Als Gesellschaftsroman nach den Gesellschaften, wie wir sie kennen, als Film oder ganz anders: Ein halbes Jahrtausend oder: Strand der Toten

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Dienstag, 16. Oktober 2012

Bereits nach zwei Jahren, sagen Schätzungen berufener Experten, sei bei mindestens 80 Prozent aller Lottogewinner der Reichtum verprasst; ein Gutteil der kurzfristig Triumphierenden finde sich sogar zerstörter und kaputter wieder, als sie es im alten Leben vor Einbruch des Reichtums gewesen wären (so zum Beispiel die FAZ bereits vor sieben Jahren; noch heute erscheint der Eintrag bei Google auf die Anfrage “statistik lottogewinner” übrigens auf dem 3. Rang. Das Thema beschäftigt also weiterhin).

Diese Art der Konsens- und Trivialmythologie zum Thema “Wundersamer Ausstieg aus Klasse und prekärer Situation” scheint weit verbreitet und geteilt. Dahinter verbirgt sich nicht zuletzt der Wunsch, dass es auch so sein solle. Dass das ungnädige Schicksal es mit den armen Gewinnern eben nicht anders als böse meinen dürfe und könne.

Und selbstverständlich bedeutet die Einsicht in seine Bösartigkeit dem Spieler zugleich die Hoffnung, dass das Schicksal in naher Zukunft ja endlich zum finalen Schlag gegen ihn, den von Gang der Dinge sowieso schon immer gegängelten, ausholen – und durch einen enormen Lottogewinn den Einstig in seinen finalen Untergang einleiten könnte. In der Folge würde der solchermaßen Geschlagene dann durch heroische Arbeit am Selbst allen Widrigkeiten zum Trotz zuletzt derjenige sein, der jenem Schicksal eben doch standhielte und ihm sein wohlverdientes Schnippchen schlüge. – Das versteht sich zwar nicht von selbst, ist aber doch die lebenserhaltende Hoffnung all jener, die Woche für Woche ihre Kreuzchen machen. Zumal in Zeiten, in denen die Schlupflöcher aus den sich zunehmend ungemütlicher gestaltenden Verhältnissen seltener und enger werden. Und keine noch so heldenhafte Selbstbearbeitung mehr ausreicht, die eigene Position aus eigener Kraft zu verbessern.

Daran arbeitet aber – und zwar erfolgreicher denn je, wenn man der aktuellen Jungle World hier Glauben schenken darf – eine neue, starke Flüchtlingsbewegung. Christian Jakob berichtet in seinem Artikel “Auf der Flucht und in der Offensive” gar, dass es scheine, als “habe mit dem Marsch und der »Tent Action« die gesamte Szene [aus sonst eher nebeneinander oder gar gegeneinander agitierenden Gruppen von Aktivisten mit migrantischem Hintergrund und Unterstützern] endlich das gefunden, wonach sie seit über zehn Jahren gestrebt hatte: einen gemeinsamen bewegungspolitischen Fixpunkt.”

Gleichzeitig seien hinsichtlich der staatlichen Flüchtlingspolitik seit einiger Zeit durchaus Verbesserungen festzustellen. So könne in Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes das diskriminierende Asylbewerberleistunggesetzt heute tatsächlich kurz vor dem Aus stehen. Und auch Residenzpflicht, Heimunterbringung und Sachleistungen gehören nach dieser optimistischen Lesart bald vielleicht schon der Vergangenheit an. Aber selbst wenn das noch Zukunftsmusik ist und die Schritte auf dem Weg dorthin kleiner ausfallen als erhofft: Neben den unmittelbar durch die deutsche Rechtspraxis Betroffenen werden wahrscheinlich einige im historischen Umfeld des sogenannten Asylkompromisses politisch sozialisierte Menschen das Signal vernehmen, dass sich manchmal – mit viel Engagement und Einsatz – Dinge eben doch ein Stück weit ändern lassen. Wenn sie so etwas denn noch hören.

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I am simultaneously happy and unhappy, exalted and depressed, overcome by both pleasure and despair in the most contradictory harmonies. I am so cheerful and yet so sad that my tears reflect at once both heaven and earth. If only for the joy of my sadness, I wish there were no death on this earth.

(E.M. Cioran, via Alfredo Jaar)

 

Mittwoch, 25. Juli 2012

Den Gegenpol zur Koonsschen mit Traditionsverweisen kunstmarktkomplexitätsgerecht angereicherten Affirmation des US-amerikanischen Glücksversprechens, dass jeder das Paradies auf Erden zu erreichen in der Lage sei, kann man noch bis zum 19. August in der NGBK besichtigen: das aus der Feindlichkeit seiner Umgebung geborene intervenierende Frühwerk des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar. Die Schrecken der von Gewalt-, Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen geprägten globalisierten und militarisierten Welt werden hier in subtiler Form in den öffentlichen Raum zurückprojiziert – häufig mit Hilfe eben der Medien, die normalerweise dazu dienen, gesellschaftliche Hegemonie als öffentlichen Meinung im Sinn der herrschenden Verhältnisse zu verallgemeinern und durchzusetzen.

 

Sind Sie glücklich? (– im Jahr vier nach dem Militärputsch)

 

Besonders empfohlen sei hier der opulente Katalog, der mit Textbeiträgen unter anderem von Chantal Mouffe nicht zuletz der Bedeutung des Künstlers als organischem Intellektuellem in Gramscis Denkart nachgeht – der auch nach einem Jahrzehnt der Beschäftigung mit dem Genozid in Ruanda noch entgegen einem notwendigen Pessimismus des Intellekts mit dem italienischen Philosophen auf einem Optimismus des Willens beharrt – wenn er diesen auch mit dem Zusatz versieht, er sei nicht “comletely convinced”. (Und um die Zeit der Jahrtausendwende bemerkt, dass seine Arbeiten im Lauf der Zeit einen Gutteil ihrer ursprünglichen Leichtigkeit verloren haben.)

Eine ähnlich gesellschaftlich-organische Rolle sieht im taz-Interview der Schriftsteller Mohammad al-Attar (ebenfalls beseelt von einem nicht unbeträchtlichen Herzensoptimismus, wie es scheint) für die syrischen Künstler in der Zeit nach der Revolution vor: “In solchen Situationen sind Kultur und Kunst kein Luxus, sie sind notwendig. Es wird eine ihrer großen Aufgaben sein, den Umgang mit Schmerz und die Erinnerung an ihn kritisch zu begleiten. Nur dann können die tiefen Wunden heilen.”

 

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Dienstag, 15. Mai 2012

Avi war den Tag über beschäftigt gewesen, Materialien zum Thema Arbeit, Kunst und Aneignung zusammenzustellen. Unter welchen Bedingungen ließen sich welche Gedanken, Motive, künstlerischen Haltungen und konkrete (filmische) Einstellungen aufgreifen, kopieren, nachstellen oder verfremden – in der Hoffnung, dass dabei vom Fantum oder der kritischen Reibung her kommend wiederum Kunst oder Bedeutung erzeugt wurden?

Von Isabelle Graw (“Ich nenne es strategische ödipale Fixierung“) war er, weg von der Theorie hin zum Konkreten, auf der Suche nach einer vage erinnerten Interiorszene über wenige Klicks zu Woody Allens “Stardust Memories” navigiert und dabei über diese Lobpreisung gestolpert, in der es dem Rezensenten gelang, seine Einschätzung, es handle sich bei dem Werk um “one of the greatest films ever made”, ausreichend überzeugend zu begründen. Praise to the internet, dachte Avi und machte sich auf den Weg in die Videothek.

 

(c) United Artists

 

Stardust Memories – Trailer on YouTube

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Freitag, 11. Mai 2012

Wie um sich an den auf die Arbeit im Inneren des Kopfes und ihre Wechselwirkungen mit der Außenwelt in der Sphäre des Textes abzielenden Beobachtungen des Rainald Goetz wiederum abzuarbeiten, bemüht sich derzeit die betuliche Tante ZEIT um Gedanken und Einsichten zum Thema Sprache und Sprachentwicklung – und erhebt Forderungen, wie sie vor Verarmung zu schützen seien. Offeriert wird eine groß angelegte Deutsch-Stilkunde, die anhand von Beispielhaftem aus der Feder großer Meister den Blick für Einsatz und Umgang mit sprachlichen Gebilden schärfen soll. Unterrichtsstunden für die Leserschaft.

Nur schade, dass gleich im Einleitungstext schon klar wird, worum es geht: reflexhafte Abwehr von Übergriffen des Fremden, Verstümmelten und Nichtverstandenen. “Vier Entwicklungen vor allem [!] müssen [!!] jedem Freund der Sprache [!] Sorgen machen”, nämlich erstens – logisch – Wortschwund und Wortverfälschungen; zweitens: “Mail, Blog, Tweet, Chat” und überhaupt das Internet, die in ihrer geballten Gesamtheit “die Zahl der geschriebenen Wörter” dramatisch vermehren (und dabei schon keine Zusammenhänge aus Worten mehr bilden), die Sorgfalt im Umgang mit ihnen aber dramatisch einschränken; drittens – jetzt wird das ganze erwartungsgemäß ortsüblich reaktionär – der “Siegeszug der Unsinnigen unter den Anglizismen”; und viertens – last not least und die gefährlichste aller Bedrohungen – das “Kiezdeutsch”.

Sicherlich richtig ist, dass die Sprache als übersubjektiver Gesamtzusammenhang nicht sich selbst entwickelt, sondern im ständig statthabenden Vollzug entwickelt wird: “mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – [und von mir aus] manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt.” Also los geht es: Bitte alle ab sofort verantwortungsvoll mitentwickeln, die ZEIT turnt vor.

Aber egal, wie erlesen die Beispiele sein mögen, die zur Schulung des Auges und des Geistes an Meisterlichem dann im Einzelnen angeboten werden: Zweiundvierzig Jahre nach der Vertreibung des Autors von seiner Position im Diskurs derartig bieder an “Prozeduren der Ausschließung” (Foucault) zu arbeiten, wirkt doch sowohl hilflos als auch verstaubt. Schule eben, Frontalunterrichtssystem.

 

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Donnerstag, 10. Mai 2012

“Hallo Berlin, hier spricht der 10. Mai 2012!”

Antrittsvorlesung Rainald Goetz zur Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik. Wie zu erwarten war, ist der Hörsaal 1b in der Habelschwerdter Allee um kurz vor sechs gut gefüllt. Und selbstverständlich lässt es sich der Autor nicht nehmen, den Titel seines Vortrags, unterbrochen von vielen begutachtenden Verrenkungen – drei Schritte zurück, Abstand gewinnen, Kopf schieflegen und kratzen, drei Schritte wieder vor, zwei neue Buchstaben gemalt usw. – in einer Eingangsperformance in weißer Kreide auf grünen Tafelhintergrund aufzubringen:

leben und schreiben
der existenzauftrag der schrift
*

In konzis und konzentriert vorgetragenen Auslassungen in zwölf Kapiteln berichtet der in der Vorstellung vor allem für Frühwerk, Sofortismus und als dabei seiend am Rande Stehender gewürdigte Goetz aus seiner Schreib-, Lese-, Welt-, Sozial- und Schriftpraxis. Erzählt von der Reibung zwischen der ständigen eigenen inneren gedanklichen Hektik und der Nichtwachheit der ihn bereits im morgendlichen Straßenverkehr umgebenden Anderen, die über Gehässigkeit zur Heiterkeit der Differenz führe; von Sätzen, die denken wollen und nicht schauen; von seinem Dämon, der allein sein will und nie mehr schreiben (was sowohl das Soziale als auch die Schrift vergällt); von der Notwendigkeit der Weltkenntniserweiterung; und vom Schreiben, das immer schon Veröffentlichen heißt.

Textpraxis: Jeden Tag das lesen, was man geschrieben hat. Dem eigenen Text als Leser gegenüber treten: Was steht da? Was heißt das? Was sollte es heißen? Die Differenz von Schrift und Gedanken und den Eigensinn der textlichen Verbalität erfahren, die Distanz zwischen Aussageabsicht und dem von der Schrift tatsächlich Ausgesagtem.

Wichtig sei zu lesen. Immer. Alles. Oder fast alles, denn vorsicht: Das Sprachgefühl ist sehr verletzlich. Und die Essenz der Schrift jedenfalls: wie selten das Schreiben gelingt.

Womit er zu seiner Aufgabe im Rahmen der Gastprofessur kommt: Nachwuchsschriftstellern Hilfestellung beim Schreiben zu geben, was natürlich Unsinn sei. Schon weil es Nachwuchsschriftsteller gar nicht geben könne, genausowenig wie Literaturlehrer. Denn Schriftsteller sein heißt immer, an der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Weltdifferenzeinstellung und ihren Folgeproblemen sich abarbeiten. Und das geht nur im eigenen Kopf.

Fazit also: “Interessant: Die meisten Texte sind Mist! Schwach, schlecht, unbrauchbar. Warum? Ich weiß es nicht.” Und: “Der schlechte Text ist nicht verbesserbar”, darüber hinaus der Kopf keine Werkstatt und Literatur kein Handwerk. Die frohe Botschaft der Literatur lautet hingegen: Mitgefühl. Und schon sind 45 durchaus erbauliche Minuten vorbei.

In dem Zusammenhang bei YouTube anzuschauen: Goetz bei Schmidt 2010 mit “loslabern”. Da ist man sich unter anderem einig, dass “Infinite Jest” unlesbar und ein wirklich schlechtes Buch sei – auch wenn man das natürlich nicht sagen dürfe, weil im Feuilleton anders entschieden worden sei.

 

 

hauptgebäude

Geht es hier zur Schreibwerkstatt von Rainald Goetz? Unsinn. (c) H. Heiland

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Dienstag, 24. April 2012

Bewegungslehre. Der Mensch ist ein Bewegungstier. Nicht nur Revolutionstheoretiker, Faschisten und Filmschaffende wissen um die Sehnsucht der Individuen nach Aufgehen und Aufhebung in Masse, Ereignis und Beschleunigung. Mit Marcelo Rossi hat auch die katholische Kirche in ihrem Land mit den meisten Gläubigen den Markt der populären Rhythmen entdeckt. Seine Platten sind mittlerweile Grammy aufgewertete Chartbreaker, zu seinen Gottesdiensten – mit Gymnastikeinlagen – kommen bis zu drei Millionen Besucher. Das Buch zum Ganzen wird sich demnächst mehr als acht Millionen mal verkauft haben. Und auch an Epigonen im Kampf gegen die evangelikale Konkurrenz mangelt es der charismatischen Erneuerung nicht. Halleluja!

 

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Der vergebende Christus über Rio, nicht Dr. Motte. (c) svenwerk (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Projekte. Es darf aber auch ein paar Runden kleiner gehen. Die Bewegungen der neunziger Jahre im engen Deutschland. Fluchtlinien. Die Frankfurt-Version: Niklas Nawrokis Reise in die Welt des Anorganischen. Demnächst hoffentlich mehr.

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