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Programmatik

Sonntag, 9. Dezember 2012

Ich liebe den Geschmack von Soja am Morgen, dachte Avi und lachte. Das war so was von jetzt. Er war dermaßen angekommen. Und es war nicht wichtig, ob das gut war oder schlecht. Vor dem Fenster verwehte eine Windböe pudriges Schneegestöber, das aus hellgrauem Dämmer von schräg links in den durch den Fensterrahmen definierten Bildausschnitt fiel. Dann verdichteten sich die Schneewirbel momentweise, wechselten die Richtung und stiegen wieder auf, als habe der Wintereinbruch die Schwerkraft für heute außer Kraft gesetzt.

Avi stellte den wohltuend heißen Kaffee ab und klappte das Notebook auf. Der Text, der auf dem Display erschien und bisher aus nicht viel mehr als einzelnen schnell zusammennotierten Skizzen und Satzfragmenten bestand, war überschrieben mit: Idiosynkrasien oder Von der Lächerlichkeit des Lebens im durch Ausschluss definierten Zentrum während der Phase des Übergangs vom Spät- zum Postkapitalismus. Kein Wunder, dachte Avi, dass der Durchbruch auf sich warten ließ. Aber was sollte er machen?

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Dienstag, 15. Mai 2012

Avi war den Tag über beschäftigt gewesen, Materialien zum Thema Arbeit, Kunst und Aneignung zusammenzustellen. Unter welchen Bedingungen ließen sich welche Gedanken, Motive, künstlerischen Haltungen und konkrete (filmische) Einstellungen aufgreifen, kopieren, nachstellen oder verfremden – in der Hoffnung, dass dabei vom Fantum oder der kritischen Reibung her kommend wiederum Kunst oder Bedeutung erzeugt wurden?

Von Isabelle Graw (“Ich nenne es strategische ödipale Fixierung“) war er, weg von der Theorie hin zum Konkreten, auf der Suche nach einer vage erinnerten Interiorszene über wenige Klicks zu Woody Allens “Stardust Memories” navigiert und dabei über diese Lobpreisung gestolpert, in der es dem Rezensenten gelang, seine Einschätzung, es handle sich bei dem Werk um “one of the greatest films ever made”, ausreichend überzeugend zu begründen. Praise to the internet, dachte Avi und machte sich auf den Weg in die Videothek.

 

(c) United Artists

 

Stardust Memories – Trailer on YouTube

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Freitag, 11. Mai 2012

Wie um sich an den auf die Arbeit im Inneren des Kopfes und ihre Wechselwirkungen mit der Außenwelt in der Sphäre des Textes abzielenden Beobachtungen des Rainald Goetz wiederum abzuarbeiten, bemüht sich derzeit die betuliche Tante ZEIT um Gedanken und Einsichten zum Thema Sprache und Sprachentwicklung – und erhebt Forderungen, wie sie vor Verarmung zu schützen seien. Offeriert wird eine groß angelegte Deutsch-Stilkunde, die anhand von Beispielhaftem aus der Feder großer Meister den Blick für Einsatz und Umgang mit sprachlichen Gebilden schärfen soll. Unterrichtsstunden für die Leserschaft.

Nur schade, dass gleich im Einleitungstext schon klar wird, worum es geht: reflexhafte Abwehr von Übergriffen des Fremden, Verstümmelten und Nichtverstandenen. “Vier Entwicklungen vor allem [!] müssen [!!] jedem Freund der Sprache [!] Sorgen machen”, nämlich erstens – logisch – Wortschwund und Wortverfälschungen; zweitens: “Mail, Blog, Tweet, Chat” und überhaupt das Internet, die in ihrer geballten Gesamtheit “die Zahl der geschriebenen Wörter” dramatisch vermehren (und dabei schon keine Zusammenhänge aus Worten mehr bilden), die Sorgfalt im Umgang mit ihnen aber dramatisch einschränken; drittens – jetzt wird das ganze erwartungsgemäß ortsüblich reaktionär – der “Siegeszug der Unsinnigen unter den Anglizismen”; und viertens – last not least und die gefährlichste aller Bedrohungen – das “Kiezdeutsch”.

Sicherlich richtig ist, dass die Sprache als übersubjektiver Gesamtzusammenhang nicht sich selbst entwickelt, sondern im ständig statthabenden Vollzug entwickelt wird: “mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – [und von mir aus] manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt.” Also los geht es: Bitte alle ab sofort verantwortungsvoll mitentwickeln, die ZEIT turnt vor.

Aber egal, wie erlesen die Beispiele sein mögen, die zur Schulung des Auges und des Geistes an Meisterlichem dann im Einzelnen angeboten werden: Zweiundvierzig Jahre nach der Vertreibung des Autors von seiner Position im Diskurs derartig bieder an “Prozeduren der Ausschließung” (Foucault) zu arbeiten, wirkt doch sowohl hilflos als auch verstaubt. Schule eben, Frontalunterrichtssystem.

 

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Dienstag, 28. Februar 2012_später

Strahlen. Der Welt etwas hinzufügen, aber nur wenig, weil die Fülle bereits da ist, nur aufgenommen, aufgesogen, erkannt werden muss. Dazu braucht es Großzügigkeit, Gespür, Hypersensibilität, Verständnis des Sozialen mit all seinen Konnotationen. Aber auch den Willen zur Manipualtion, zu Kälte, Stilisierung. “Wenn ich vorgebe, keine Persönlichkeit zu haben, werde ich Andy Warhol sein”; oder Drella: die Programmempfehlung für alle mit etwas mehr Zeit: Andy Warhol – Godfather of Pop

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Montag, 27. Februar 2012

Nervkram. Würde natürlich immer gern mit allen Projekten, die unablässig in Interaktionen und zwischen zwei Drinks oder Terminen angesetzt werden, weiterkommen – aber immer ist da ein Kommentar, der erst noch geschrieben werden muss, ein Angebot zur Freigabe oder ein Technikteil, das nicht funktioniert. Klar. Und vor jedem Licht der Welt stehen mindestens ein Verlag und am besten dazu noch eine Agentur, die ersteinmal umworben werden müssen. Aber macht auf eine Art ja auch wieder Spaß. Man kommt sich gleich mit allem ganz professionell vor.

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Sonntag, 29. Januar 2012

“Schnee (mit langem eehehe) fällt in meine Welt”, haben Guz und die Aeronauten – vor einer gefühlten Ewigkeit – 1995 gesungen. “Schnee (eehehe: genau!) macht alles still und hell. Es tut nicht weh, es ist nur Schnee. Kaltes Weiß bedeckt den Scheiß”.

 

kastanienallee

landschaft harz

Weiß, verhüllend und ephemer: Schnee in der Stadt und Harzvorland unter Schnee vor einigen Jahren. (c) H. Heiland

 

Eine der Schneeberuhigung der Schweizer entgegengesetzte Sichtweise vertritt die in North Carolina geborene Künstlerin Ena Swansea, wie sie dem dschungel vor zwei Wochen erläuterte: “Schnee ist ephemer und gefährlich. Für mich hat die Vorstellung von Schnee nichts Friedliches, sondern etwas Bedrohliches. [Er erzeugt eine] abstrakte Leere, ein ungutes Gefühl.” Vielleicht hat die Malerin hier ein professionell bedingt genaueres Verständnis von Verschleierung und einander überlagernden Schichten als die Musiker, sieht eher, was unter der dem Betrachter sich darbietenden Fläche verborgen ist. An russische Leichenwinter unter Groß- oder Urgroßväterbeteiligung wird sie als in den Südstaaten der USA unter anders rassistischen Umständen sozialisierte wohl nicht in erster Linie gedacht haben.

Ena Swansea Website

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Donnerstag, 19. Januar 2012

Die Site ist zu unklar. Klar. In der Tat müssen zur Orientierung wohl Kategorien her.

Film und Verbrechen. Sehe in der Berlinale Forum-Pressepreview – sowas kann ich jetzt wieder machen! – “Swoon” von 1992 (wahrscheinlich gibt es also so etwas wie eine Best of Forum-Reihe, oder wie ist das zu verstehen?) über die Ermordung des 14-jährigen Robert Franks durch Nathan F. Leopold, jr. (19) und seinen Freund Richard Albert Loeb (18). Die Geschichte aus dem Chicago der Prohibitionszeit wird einerseits distanziert-abstrakt, dabei aber andererseits filmisch geradezu detailversessen in überästhetisiertem Schwarz-Weiß erzählt. Interessant ist der weitestgehende Verzicht auf Stellungnahme genauso wie die Anhäufung von Materialien und Versatzstücken, die den Geist der Zeit mit seinen Vorurteilen gegenüber allem Unangepassten nachvollziehbar herausarbeiten. Nietzsches Übermensch in seiner gefühllosen Überlegenheit gepaart mit überzogen idealisierten Liebes- und Freundschaftsklischees erscheint als fast logische Kehrseite der Mainstream-Rassismus-und-Spießertums-Medaille in Radio und Stadtsäuberungspolitik.

Swoon – Trailer on YouTube

Vielleicht macht es Sinn, so vorzugehen, vielleicht wäre diese Haltung auch für einen aktuellen Blick auf das so genannte Dritte Reich und seine Schrecken einmal mehr bedenkenswert. Im Gegensatz zu “letzte Tage im Führerbunker”-Erzählungen oder weiteren heroischen “gute Deutsche retten Juden”-Beiträgen. Müsste selbstverständlich aber auch erstmal eine starke Geschichte gefunden werden, die trägt …

Dabei wollte ich ja zu ganz etwas anderem arbeiten: Kategorie Projekte (Fortsetzung folgt beizeiten.)

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