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Eigensinn

Gerade auch jede Meldung ist eine Ware. Das heißt, als solche muss sie analysiert werden. Ihr Gebrauchswert ist nicht unabhängig von ihrem Tauschwert zu denken. Faktoren wie die Fragen nach dem „Für wen schreibe ich?“, „Wo bekomme ich die meiste Aufmerksamkeit?“ oder „Welche Themen gehen wo – und wo wieso nicht?“ schreiben im Kopf des Schreibers von Beginn an mit: Klar ist das Teil der so häufig mehr erahnten denn nachweisbaren medialen Gleichschaltung. Und ebenso selbstverständlich betrifft es nicht nur Journalisten, sondern Schreiber, Macher, Hervorbringer auf allen Feldern des Kulturellen. Nur wer sich nicht mehr behaupten muss, kann frei einfach machen. Vielleicht.

Aber: Dann gibt es wieder so monolitisch beeindruckende Textschöpfungen (echt jetzt) wie Saša Stanišićs VOR DEM FEST, dass man sagen muss, kann auch alles anders sein. Groß, jedenfalls.

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Dem Pessimismus des Denkens musste ein Optimismus des Herzens zur Seite stehen. Das hatte ebenfalls schon Gramsci formuliert. Alle Skepsis brachte nichts, wenn sie in den Fatalismus führte oder zum Aufgeben. Es ging nicht anders, als Idee um Idee hervorzubringen, wie Welt und Umfeld besser zu gestalten seien. Ob es sich um politische, ökologische, künstlerische oder sonst dem guten Leben verpflichtete Ansätze handelte. Es war nicht viel Zeit, keine für Gott, wenig für Frankreich. Nie war viel Zeit gewesen. Aber erst, wenn man selbst ein gewisses Alter erreicht hatte, wurde das bewusst: dass die eigene Existenz ein endliches Gut war, dessen Spanne genutzt werden musste. So hieß es.

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“Ich hörte zu, ich verstand, ich war einverstanden, ich fand solche Äußerungen beruhigend und hatte recht damit, denn sie waren zur Beruhigung bestimmt: nichts ist unheilbar, und in der Tiefe bewegt sich nichts, die vergeblichen Erregungen an der Oberfläche dürfen uns nicht vergessen lassen, dass sich darunter eine tödliche Stille verbirgt, die unser Los ist […] Unsere Besucher gingen nach Hause, ich blieb allein, entschlüpfte dem banalen Friedhof und kehrte zurück zum Leben, zum Wahnsinn in den Büchern […] Aber dies Originale sahen gar nicht so aus, als richteten sie sich nach unseren Grundsätzen, und selbst dort, wo ihre Motive erläutert wurden, kam ich nicht mit. Brutus tötet seinen Sohn, und Mateo Falcone tut es auch. Diese Praxis schien also ziemlich verbreitet zu sein, trotzdem machte in meiner Umgebung niemand davon Gebrauch.” (Sartre, Die Wörter)

“Die Unmöglichkeit, irgendetwas sicher zu wissen oder zu fühlen, erzeugte in mir einen starken Drang zu onanieren.” (McEwan, Der Zementgarten)

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Heimatkaffee

Es hatte lang gedauert, bis Matthes seine Stimme gefunden hatte. Eine Ewigkeit. Allein um darauf zu kommen, dass die Stimme das wirklich entscheidende war, benötigte er zwei Dekaden seiner Lebenszeit. (Vielleicht war er langsam und ein Spätentwickler.) Ein eigener, prägnanter Ausdruck war Voraussetzung für einen Platz in der Welt, der nicht von vornherein zufällig und grundsätzlich anfechtbar war. Immer hatte er, wie ihm jetzt schien, die falschen, ganz und gar banalen und an jedem Kern einer möglichen Sache (oder eher Essenz) vorbeigehenden Fragen gestellt; beständig hatte er  an der Verbesserung absolut unwesentlicher Fähigkeiten gearbeitet: natürlich vergebens. Dann war er eines Morgens aufgewacht, und alles war ihm ganz klar erschienen. Es hatte buchstäblich vor seinem inneren Auge ausgebreitet dagelegen, übersichtlich und geordnet. Wenn alles wesentlich Durchdringung, Vermischung und Anreicherung war, musste man Anreize schaffen, dass andere genau das wollten: sich mit einem vermischen. Auf Übernahme der eigenen individuell-besonderen Züge in die Welt (im Sinne einer Bereicherung ihrer vorübergehenden und hinfälligen Substanz) konnte nur hoffen, wer gehört und mit Wohlwollen gehört wurde.

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… hieß ein Wandgemälde von Ronald Paris im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Jetzt plant die “Initiative Haus der Statistik” unter dem vergleichsweise nüchternen Motto “Zivilgesellschaft gestaltet Stadt” die Um- und Weiternutzung der ca. 40.000 Quadratmeter Nettofläche.

Entstehen soll eine Mischnutzung: Wohnen für Geflüchtete, Studierende, Senioren und andere plus Arbeitsräume für geflüchtete und Berliner Künstler und Kulturschaffende; dazu sind Bildungs- und Integrationsprojekte sowie Veranstaltungsräume geplant. Die Betonskelettarchitektur lässt die notwendigen Umbaumaßnahmen nachweislich problemlos zu. Unterkünfte für bis zu dreitausend Geflüchtete könnten relativ zeitnah bereitgestellt werden. Wohnraum für Einkommensschwache, günstige Ateliers und Projekträume entstünden mitten im Stadtzentrum.

So würde nicht nur eine beispielhafte Antwort auf brennende stadtentwicklungspolitische Fragen gegeben, sondern auch ein Ort im Zentrum einer Metropole geschaffen, der an die Freiheiten des Berlin der neunziger Jahre anknüpft und in dieser Größenordnung weltweit einzigartig und Präzedenzfall wäre. Ein riesiges Areal im Herzen der Stadt würde Kommerzialisierung, Gentrifizierung und Uniformität ohne größere Kämpfe entzogen.

Mit im Boot sind von der Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser und dem Zentrum für Kunst und Urbanistik über den Atelierbauftragten Berlin, die Initiative Stadt Neudenken oder die Stiftung Zukunft Berlin auch der Bezirksbürgermeister von Mitte, Dr. Christian Hanke, der Kulturstaatssekretär Tim Renner (so heißt es wenig überraschend) und die BVV Mitte.

Da wäre es, die normalen Berliner Verhältnisse in Betracht gezogen, doch gelacht, wenn sich nicht plötzlich irgendein Player – Senat oder BImA wären vorstellbar – querstellte, um beispielweise einem Verwaltungskomplex den Vorzug zu geben. Aber vielleicht sind die Zeiten so normal ja gerade nicht.

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Wie kommt etwas in die Welt? Vom Golem hat es Meyrink aufgeschrieben, beim Bösen ahnt man es durch stete Beschäftigung mit den Verhältnissen sowieso.

Aber was ist mit dem Guten? Vielleicht weiß da – ganz unesoterisch – ausgerechnet Rocko Schamoni, der alte King, mit seinem Orchester Mirage praktischen Rat: Man kann sich ja zum Beispiel – ohne Angst vor Kitsch und mit einem gewissen grundsätzlichen Respekt – all der widerborstig-eigensinnigen Perlen annehmen, die einen auf die eine oder andere Art immer schon durchs Leben begleitet haben. Und die dann mit ordentlich Aufwand neu interpretieren, zugänglich machen und Sendezeit für sie und ihresgleichen einfordern. Ohne darauf zu spekulieren, dass das Ergebnis allen gefallen muss.

Ähnliches könnte sich – wie Thorsten Krüger im Magazin für den unterschlagenen Film Splatting Image schreibt – Ryan Gosling gedacht haben, als er Lost River gemacht hat: ein Stück Kino mit Bildern, die im Dunkeln leuchten, sich tief vor den Vorbildern verbeugen und Handlung und Plausibilität nur in soweit zulassen, wie das im gesellschaftlichen Ganz-Unten eben möglich ist: fast gar nicht.

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Wenn auch A Girl Walks Home Alone at Night lange nicht an die Versprechen des tollen Plakats und der überwiegend überschwänglichen Kritiken heranreicht (und die Berichte aus Cannes ebenfalls nicht viel für die diesjährige Kinosaison erwarten lassen), geht man abends eben wieder zum Noise-Rock. Zum Beispiel Bei Ruth. Wo tolle Bands wie Meat Wave spielen. Bisschen Verausgabung gegen die tagtägliche Langeweile der alles überformenden Sinnlichkeit 2.0. Oder so.

Ebenfalls sehr zu empfehlen – und im August im Rahmen des Pop Kultur Festivals wieder in der Stadt: die Jungs von Girl Band aus Dublin.

Girl Band; https://www.youtube.com/watch?v=nqxe3NZKYL0

Und natürlich Kurt (Schwarzwald), die am Freitag in der Kastanie spielen. Oder Future Of The Left (Wales/London). Oder – eben erst neu entdeckt dank Song des TagesGreys aus Ontario. Bei soviel Bewegung und Neuland auf der Weltkarte des körperfragmentierenden Krachs braucht’s hier fast eine neue Kategorie.

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Woody Allens “Stardust Memories”, Ingmar Bergmans “Fanny und Alexander”, Wong Kar Weis “Happy Together”, Martin Scorseeses “The Departed”, Michelangelo Antonionis “Beruf Reporter”, Kathryn Bigelows “Near Dark” … die Reihe ist lang, kann immer fortgesetzt werden und ist auf die eine oder andere Art von vornherein ungerecht, falsch und schlecht informiert. Ganz davon abgesehen, dass beste Filme, die keiner kennt, wie zum Beispiel Maladies, sowieso unter den Tisch zu fallen pflegen.

Andererseits gibt es von Zeit zu Zeit Anlässe, die es geradezu unausweichlich erscheinen lassen, alte Lieblingsfilme neu anzuschauen und zu bewerten. Zum Beispiel, wenn “Grand Budapest Hotel” gut unterhält, bei allen abgedrehten Ideen und genialen Zitaten (von der Ausstattung gar nicht zu sprechen) dennoch den Eindruck hinterlässt, Wes Anderson habe schon ein oder zwei Mal mehr zu sagen gehabt.

Umso schöner, wenn das zunächst nur vage Gefühl dann der Überprüfung standhält, und “Rushmore” am Wochenende nicht nur ein, sondern ganze drei Mal hintereinander angeschaut werden muss – vor lauter Begeisterung.

Max Fisher, 15-jähriges Genie, Theaterautor, Präsident zahlreicher Schulclubs und schlechtester Schüler der Privatschule Rushmore, durchlebt schwere Zeiten. Das Zusammentreffen seines übersteigerten, jugendlich-autistischen Narzismus mit seiner Unfähigkeit zu lernen führen zum Ende seines eingerichteten Lebens an der Schule für reich Geborene mit der Aussicht auf ein reiches Ende (Herman Blume).

Tröstet zunächst die Freundschaft mit dem durch aus der Art geschlagen normale Kinder gestraften Industriellen und Vietnamveteran Herman Blume ein wenig über die Bedrohlichkeit der Situation hinweg, bringt das Zusammentreffen mit der verwitweten Lehrerin Rosemary Cross die fragilen Konstruktionen von Max Gefühlswelt und Sozialleben vollends zum Einsturz.

Wie das mit der ersten Liebe so ist. Auf die vorgeblich Altersunterschied bedingte Zurückweisung folgen Kränkungen, Intriegen und ein Kleinkrieg mit den besten Freunden, die sich gewaschen haben, wie man in Anbetracht der bis in letzte Detail durcharrangierten Breitwandbilder wohl sagen darf. Erst die Rückbesinnung auf die Arbeit in der Kernkompetenz Kunst ermöglicht das in aller Breite ausgekostete Happy End, in dem das falsche Leben in einem großen Ball der Wahrheit aufgehoben wird.

Neben Jason Schwartzman und Bill Murray, die Wes Andersons weiteres Schaffen bekanntlich begleiten, gibt es hier schon alle wesentlichen Themen des Andersonschen OEvres: die Angst vor dem Scheitern, das Misslingen der Liebe, das Wunder der Freundschaft, schwarzen Humor, Trauer, Lebenskunst und eine gehörige Portion Künstlichkeit, die das eigene Involviertsein ins große Ganze aus Film und Leben immer mitthematisiert. Goddard (der oben in der Liste natürlich fehlt) in Amerika. Film auf dem Gipfel der Kunst. (Musste ja mal gesagt werden.)

PS: Coming of Age ist sowieso von Alters her ein dankbares Sujet für den Film. Und entgegen den Unkenrufen allenthalben gibt es gerade hierfür schöne Beispiele im neueren deutschen Film. Zum Beispiel, weil er gerade gestern auf 3Sat lief, der Grimme Preis gekrönte Ihr könnt euch niemals sicher sein von Nicole Weegmann mit dem tollen Ludwig Trepte in der Hauptrolle. Oder Fickende Fische. Oder oder. (Auch hier wird die Liste wieder lang und niemals vollständig.)

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Samstag, 30. März 2013

… setzt sich Qualität eben doch durch. Und manchmal muss man dann doch auch loben, was alle anderen die ganze Zeit schon loben: Große Story, toller Film, charismatischer Typ, super Musik: Searching for Sugar Man. Und nach all den Jahren spielt Sixto Rodriguez, wie man hört, heute ausverkaufte Großkonzerte, als hätte er im Leben nie anderes gemacht. Hut ab.

Nicht so toll, auch wenn Detlev Kuhlbrodt in der Konkret und Dietmar Dath in der FAS anderes behaupten: Spring Breakers, das neue Werk von Harmonie Korine. Irgendwie stecken geblieben, halbherzig und viel zu kalkuliert. Schade. Und wahrscheinlich der peinlichste Film, für den sich James Franco bislang hergegeben hat.

Dann Florida vielleicht doch lieber mal wieder als katholisches Kino von Abel Ferrara aus den späten 90ern nachgucken. Auch hier: Sex, Drogen, Gehen Lassen, Schuld und Sühne. Mathew Modine, Claudia Schiffer, Beatrice Dalle und Dennis Hopper in The Blackout. Im Verhältnis allemal großes Kino.

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Dienstag, 26. Februar 2013

Auch Werber arbeiten dann und wann für eine bessere Welt. Derzeit wohl bekanntestes – und seit einigen Tagen als Verfilmung auch Oscar-prämiertes – Beispiel: René Saavedra mit seiner Kampagne zur Verhinderung einer weiteren Amtszeit für Augusto Pinochet in Chile 1988. Man lade das No! mit Happiness-Attributen aus dem neoliberalen Werbebaukasten auf und verkaufe die Demokratie als großes Glücksversprechen. Und schon geht das Regime in die Knie. Vor den Werkzeugen, die es selbst ins Land geholt und aufgebaut hat, und nicht etwa vor der Wut der 15 Jahre lang unterdrückten Bevöllkerung. (Um den Oscar zu gewinnen, besetze man dann noch René Saavedra mit Gael García Bernal.)

Aber auch Texter texten bisweilen Beeindruckendes mit gehörigem impact. So Kathrine Taylor, die als Copywriter in der Agentur ihres Mannes arbeitete und 1938 beim New Yorker Story Magazine unter dem Pseudonyme Kressmann Taylor den sehr kurzen aber umso hellsichtigeren Briefroman “Address Unknown” veröffentlichte. In einer Besprechung der New York Times Book Review von 1939 heißt es – wie Lois Rosenthal, die Herausgeberin von Story im Nachwort der seit 2000 vorliegenden deutschen Ausgabe schreibt: “Diese moderne Geschichte ist die Perfektion selbst. Sie ist die stärkste Anklage gegen den Nationalsozialismus, die man sich in der Literatur vorstellen kann.” Womit sie nicht ganz unrecht hat.

Elke Heidenreich darf ergänzen: “Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt. Ohne Umschweife werden exemplarische Lebensgeschichten erzählt, wird Zeitgeschichte [der Jahre 1932 und 33] dokumentiert. Der Jude ist kein Gutmensch, der sich alles bieten lässt, sondern liefert die Mörder selbst ans Messer, und: Der Deutsche ist kein sadistischer Unhold, sondern ein opportunes [oder eher: opportunistisches?, Entschuldigung … ] Würstchen. Wenn es auf Leben und Tod geht, das zeigt die Autorin, dann geht es nur noch ums Überleben. […] Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben. »Adressat unbekannt« sollte Schullektüre werden, Pflichtlektüre für Studenten, es sollte in den Zeitungen abgedruckt und in den Cafés diskutiert werden.” Das sollte es auf jeden Fall.

Und wie gesagt: Das Buch erschien 1938. Als hierzulande bekanntlich noch niemand auch nur ahnen konnte, was vorging.

Über das ebenfalls spannende Thema, wie durch Werbung die kapitalistischen Verhältnisse der späten 1950er Jahre überwunden werden sollten, und über Marcel Mariëns »Théorie de la révolution mondiale immédiate« mit ihrem »Freizeitclub« kann man einstweilen im Jungle World-Archiv bei Holm Friebe nachlesen.

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