Hund

Mit dem Relaunch ist das Blog auf den Hund gekommen. Damit gleicht es sich ein wenig dem Stand aktueller Debatten an. Und will in Aussicht stellen, in Zukunft bissiger zu werden und vielleicht sogar frühzeitiger Witterung aufzunehmen.

„Der Hund bellt immer“, schreibt Tucholsky in seinem Traktat über denselben von 1927. Außerdem sagt er, dass das Tier ein „anachronistisches Wesen“ sei und „ständig im Dreißigjährigen Krieg“ lebe. Damit passt es vielleicht umso mehr bestens in unsere aktuelle Augenblickszeit mit ihrem Hang, ökonomische und politische Interessens- und Wirkungszusammenhänge in religiöse Erscheinungen und anhaltende Kriegszustände zu verwandeln.

Mit dem Schluss, „eine fortgeschrittene Zivilisation“ werde den Hund „als barbarisch abschaffen“, sei hier ein weiteres (und letztes) Mal Tucholsky zitiert. Für alle vierbeinigen Freunde des Menschen bedeutet sein Diktum Entwarnung: Denn bis zur fortgeschrittenen Zivilisation scheint es ein unverändert weiter Weg. Zum Beispiel, wenn man als Indikator den Stand des grassierenden Antisemitismus anlegt.

Dem hat die Jungle World unter dem Titel „Hass verbindet“ ein weiteres Mal ihre aktuellen Themaseiten widmen müssen. Wundern könnte man sich da insbesondere über die anhaltende internationale Blüte eines linken Antisemitismus, von dem man immer gern angenommen hätte, schon der Begriff sei paradox. Aber das hieße einzugestehen, dass man bereits die Verlautbarungen der RAF und anderer Gruppierungen im Kampf gegen das Imperium nicht oder nur unter popkulturell-distinktiven Gesichtspunkten und also eher unkritisch zur Kenntnis genommen hat. Von der BDS-Bewegung und der so genannten Israelfeindschaft ganz zu schweigen.

Gegen solche Strömungen wäre immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass Antisemitismus der Kitt ist, sie alle zu binden und auszurichten. Als solcher ist er durch die Jahrhunderte eine, wenn nicht die Religion der Denkfaulen beziehungsweise Denkverweigerer gewesen. Immer selbstverständlich im Sinn Gottes, des Weltgeists oder eines höheren Gesetzes.

Grob vereinfacht, ist es ganz einfach: Die Welt ist nicht das Paradies, sagt die Erfahrung. Sie sollte es aber sein, antwortet das Begehren (oder wer auch immer). Also muss es ein Subjekt oder eine Gruppe von Subjekten geben, die aus Eigennutz finstere Pläne schmieden und die Verwirklichung des Guten verhindern.

Beginnend beim Antijudaismus mit dem Bild der Juden als Christusmörder durchzieht der Antisemitismus so die Geschichte nicht nur des Christentums. Er hilft zunächst bei der Ablösung der neuen Religion aus der jüdischen Tradition. Viel später dient er von der Reformationszeit an der Verflechtung von Protestantismus und Nationalismus mindestens als Schmiermittel und führt schließlich mit der Konstruktion des Juden als zu eliminierendem Anderen in den systematischen Massenmord der Shoa. Und wie es aussieht, ist er auch heute keineswegs überwunden.

Durch die Zeiten verändert sich die Ideologie retrospektiv nach konkretem gesellschaftlichen Bedarf und durchläuft Stufen einer eigentümlichen Evolution. Wie der britische Soziologen David Hirsch im Interview zusammenfasst: „Jeder Antisemitismus kritisiert den, der vor ihm kam. Wilhelm Marr sagte schon Ende des 19. Jahrhundert, christlicher Antisemitismus sei eigentlich lächerlich, man müsse aber verstehen, was das Problem mit den Juden nun sei.“

Ein Problem mit der Welt ist in jedem Fall, dass das Denken nur allzu gern vor den Komplexitäten, die sich aus den prozessierenden Widersprüchen des Realen ergeben, kapituliert. Das ist verständlich. Über die Folgen darf man sich aber dennoch in vielen speziellen Fällen wundern. Und ab und zu versuchen, dagegen anzubellen.