— weltwundern.net

Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuss selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, “sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung“ könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden.

Adorno, Minima Moralia

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“Als ich dann vor dem Gebäude den Central Park West entlangging, schaute ich hinüber zu den Bäumen, deren Blätter sich bereits voll entfaltet hatten, und empfand ein Gefühl von unsäglicher Fremdheit. Am Leben zu sein ist unerklärlich, dachte ich. Das Bewusstsein ist unerklärlich. Nichts auf der Welt ist normal.”

Siri Hustvedt, Was ich liebte

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Es hatte am frühen Abend zu schneien begonnen, und jetzt fielen die Flocken gleichmäßig und dicht. Bald würde der Garten unter einer wattigweißen Decke verborgen sein. Von drinnen hörte Reza eines der Kinder losplärren, aber das Geschrei wurde durchs Verbundglas der Balkontür angenehm gedämpft. Wenn er ausatmete, hing die Feuchtigkeit noch Sekunden sichtbar vor der Dunkelheit des Winters. Er spürte, dass Verena ihn musterte. Als er den Kopf in ihre Richtung wandte, trafen sich für einen Moment ihre Blicke. Dann schlugen beide die Augen nieder.
Komm. Lass uns wieder rein gehen, wird langsam bisschen kalt.
Okay. Gehen wir mal wieder, was?
Ja. Timmi und Sofia sind schon ganz aufgeregt.
Dann sollten wir sie nicht länger warten lassen.
Nein, sollten wir nicht.
Sie machte einen Schritt auf das Haus zu, hielt inne, drehte sich wieder zu Reza um und streckte die Hand nach ihm aus. Er brauchte einen Moment. Dann schloss mit einem Schritt zu ihr auf.

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Bens Stimme versiegte an ihrem Ohr. Von der plötzlichen Stille aufgeschreckt, wandte Annika den Kopf in seine Richtung; versuchte ein Lächeln und merkte, wie sie rot wurde.

Andere Städte, andere Sitten, probierte sie auf gut Glück, erkannte aber an der Art, in der Bens Gesicht einfror, dass sie den Ton nicht getroffen hatte.

Ben lehnte sich zurück. Die Lippen fest zusammengepresst betrachtete er sie mit einem Stirnrunzeln.

Hast du mir überhaupt zugehört?

Hatte sie nicht. Also zunächst schon. Aber dann waren ihre Gedanken, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können, zu Paul abgewandert und dem, was er noch vor wenigen Stunden mit ihr angestellt hatte. Dabei wollte sie nicht über ihn nachdenken, weil sie wusste, dass das keinen Sinn hatte. Lieber wollte sie zu ihm gehen und da weitermachen, wo sie zuletzt aufgehört hatten.

Äh, ich glaub, ich brauch noch einen Kaffee, sagte sie.

Ben seufzte, sah sich dann aber nach der Kellnerin um und winkte ihr. Er war ein guter Typ, dachte Annika, derjenige von ihren Freunden, zu dem sie auf gewisse Art immer aufgeschaut hatte. Weil da etwas an ihm war, eine durchaus attraktive Rigorosität in seiner Einstellung gegenüber der Welt, die ihn hervorhob aus der Menge der prinzipiell Gleichgeschalteten. Kurz vor Weihnachten war er in eine neue Stadt gezogen; jetzt war Annika zum ersten Mal für einige Tage bei ihm zu Besuch. Und hatte sich gleich am zweiten Abend in einen fünfzehn Jahre älteren Fotografen verliebt. So etwas passierte. Ben bestellte den Kaffee und sprach über anderes. Wenig später zahlte er, und sie traten auf die Straße, in der die Gesichter im Licht der ersten Sonne ihre Winterhärte verloren hatten. Den Schlagzeilen zum Trotz erwachte auch in diesem Jahr das Leben und stellte seine Forderungen. Sie verabschiedeten sich für den Tag, und als Annika eine knappe Woche später zurück in Bens Wohnung kam, um ihre Sachen zu holen, war er nicht da. Auch telefonisch erreichte sie ihn nicht. Sie sahen sich nie wieder.

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“Nicht wenigstens zu ahnen, was aus einem System der Ausbeutung wird, wenn alles ausgeplündert ist, was auszuplündern war, bedarf es schon eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre.”  So Hermann L. Gremliza in Kriegsbewegung, dem Leitartikel der konkret, März 2016.

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Das leere Zentrum der Vernunft – und nicht etwa ihr Schlaf – gebiert die durch und durch rationalen Monstren von Menschenhandel, Folter und Rackets aller Orten. Besonders drastisch ist das seit Jahren in Mexiko zu besichtigen, das in Teilen mehr und mehr einer Splatter-Phantasie Tarantinos zu gleichen scheint.

Wer sich mit der Tendenz der Berichterstattung, jeden neuen Mord wie eh und je unter der Rubrik “Drogenkrieg” zu verbuchen und ihn so zu den Obskuritäten-Akten aus einer fernen und unverständlichen Welt zu legen, nicht zufrieden geben will, kann den gewaltätig aktuellen Stand der Dinge in Antonio Ortuños wuchtigem Roman “Die Verbrannten” nachlesen. Darin erfährt die Protagonistin das Zusammenspiel von Bandenkriminalität, staatlichen Akteuren und zu massenhaft verfügbarer Ware entmenschlichten Migranten auf verschiedenen Ebenen hautnah, womit nicht nur ihr, sondern auch der Leserin und dem Leser einiges zugemutet wird.

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… hieß ein Wandgemälde von Ronald Paris im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Jetzt plant die “Initiative Haus der Statistik” unter dem vergleichsweise nüchternen Motto “Zivilgesellschaft gestaltet Stadt” die Um- und Weiternutzung der ca. 40.000 Quadratmeter Nettofläche.

Entstehen soll eine Mischnutzung: Wohnen für Geflüchtete, Studierende, Senioren und andere plus Arbeitsräume für geflüchtete und Berliner Künstler und Kulturschaffende; dazu sind Bildungs- und Integrationsprojekte sowie Veranstaltungsräume geplant. Die Betonskelettarchitektur lässt die notwendigen Umbaumaßnahmen nachweislich problemlos zu. Unterkünfte für bis zu dreitausend Geflüchtete könnten relativ zeitnah bereitgestellt werden. Wohnraum für Einkommensschwache, günstige Ateliers und Projekträume entstünden mitten im Stadtzentrum.

So würde nicht nur eine beispielhafte Antwort auf brennende stadtentwicklungspolitische Fragen gegeben, sondern auch ein Ort im Zentrum einer Metropole geschaffen, der an die Freiheiten des Berlin der neunziger Jahre anknüpft und in dieser Größenordnung weltweit einzigartig und Präzedenzfall wäre. Ein riesiges Areal im Herzen der Stadt würde Kommerzialisierung, Gentrifizierung und Uniformität ohne größere Kämpfe entzogen.

Mit im Boot sind von der Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser und dem Zentrum für Kunst und Urbanistik über den Atelierbauftragten Berlin, die Initiative Stadt Neudenken oder die Stiftung Zukunft Berlin auch der Bezirksbürgermeister von Mitte, Dr. Christian Hanke, der Kulturstaatssekretär Tim Renner (so heißt es wenig überraschend) und die BVV Mitte.

Da wäre es, die normalen Berliner Verhältnisse in Betracht gezogen, doch gelacht, wenn sich nicht plötzlich irgendein Player – Senat oder BImA wären vorstellbar – querstellte, um beispielweise einem Verwaltungskomplex den Vorzug zu geben. Aber vielleicht sind die Zeiten so normal ja gerade nicht.

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