— weltwundern.net

Donnerstag, 17. Mai 2012

Konnte es sein, dass – während Avi zuhause an seinem Aneignungsfilm schrieb, sich Gedanken zur Zurichtung des Lebens für die (Kunst)Produktion machte und sich über das reaktionäre Untergang-des-Abendlandes-Gesülz von so genannten Hochkultur-Autoren wie Sybille Lewitscharoff ärgern musste (immerhin aber im Perlentaucher vernunftbegabte Beobachter zu erkennen glaubte) – konnte es also sein, dass zeitgleich in Frankfurt, der alten Heimat, arabisch frühlingshafte Zustände angebrochen waren? Twittermeldungen berichteten von Tausenden auf dem Paulsplatz, Polizeikesseln, Banken, die sich selbst schlossen, Volksküchen und Solidarität, und alles klang ein wenig wie 1990 zu Nie-Wieder-Deutschland-Zeiten. Oh süßer Vogel Jugend, oh Revolution! Und das alles medial live verfolgbar – von wegen: The revolution will not be televised! Wir bleiben dran, dacht Avi. (Derweil zogen auf der Kastanienallee in hiesiger Tradition vereinzelt Männergruppen mit bierbepackten Handwagen vorbei und gröhlten zum Vatertag. Auch das gab es immer noch.)

 

Die Revolution muss kommen. (c) C. Morgenstern

Campus Bockenheim

... immerhin warten bereits einige auf sie. (c) C. Morgenstern

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Mittwoch, 16. Mai 2012

Auf den letzten Drücker doch noch “Take Shelter” gesehen. Auf ganz unironische Weise wird hier Angst ins Bild gesetzt – greifbar, mit großartigem Cast und (trotz aller Hinweise darauf in Kritiken und Erzählungen) überraschendem und überraschend einleuchtendem Ende.

“Ich schrieb TAKE SHELTER,  weil ich glaubte, in der Welt herrsche ein Gefühl vor, das geradezu greifbar war. Diese Furcht war in meinem Leben sehr real, und ich stellte mir vor, dass es anderen Amerikanern und Menschen auf der ganzen Welt genauso ging. Mit diesem Film konnte ich über diese Sorgen und Ängste sprechen. Ich hoffe, am Ende des Films gibt es eine Antwort darauf.” schreibt Regisseur Jeff Nichols in seinem Director’s Statement.

 

 

Take Shelter: Website und Trailer

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Dienstag, 15. Mai 2012

Avi war den Tag über beschäftigt gewesen, Materialien zum Thema Arbeit, Kunst und Aneignung zusammenzustellen. Unter welchen Bedingungen ließen sich welche Gedanken, Motive, künstlerischen Haltungen und konkrete (filmische) Einstellungen aufgreifen, kopieren, nachstellen oder verfremden – in der Hoffnung, dass dabei vom Fantum oder der kritischen Reibung her kommend wiederum Kunst oder Bedeutung erzeugt wurden?

Von Isabelle Graw (“Ich nenne es strategische ödipale Fixierung“) war er, weg von der Theorie hin zum Konkreten, auf der Suche nach einer vage erinnerten Interiorszene über wenige Klicks zu Woody Allens “Stardust Memories” navigiert und dabei über diese Lobpreisung gestolpert, in der es dem Rezensenten gelang, seine Einschätzung, es handle sich bei dem Werk um “one of the greatest films ever made”, ausreichend überzeugend zu begründen. Praise to the internet, dachte Avi und machte sich auf den Weg in die Videothek.

 

 

Stardust Memories – Trailer on YouTube

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Samstag, 12. Mai 2012

Brenner Romane fangen meist mit dem Satz an: “Jetzt ist schon wieder was passiert.” Ausnahme: “Der Brenner und der liebe Gott”.

Weil der fängt so an: “Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. Weil heute bin ich die Ruhe in Person. Und müsste schon etwas besonderes passieren, dass ich mich noch einmal aufrege. Die Zeiten sind vorbei, wo mich alles gleich aus der Fassung gebracht hat. Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein? An und für sich sage ich da schon lange, sollen sich die Jungen drum kümmern, quasi Credo.”

Wolf Haas hat seinen lakonischen Stil über Jahre entwickelt und verfeinert. Das macht Spaß zu lesen. Anscheinend soviel, dass nicht nur Musiker und Rapper sich in Interviews andauernd auf seine Texte als Inspirationsquelle berufen, sondern auch Jungautoren, die thematisch und lokalkoloritmäßig relativ weit entfernt von Brenner-Problematiken und Tatorten sich bewegende Themen bearbeiten, der Einfachheit halber weite Teile ihre Romane aus Brenner-Stilblüten und Aussprüchen zusammen samplen. Weil, nachts ist alles Leben irgendwie dunkel, quasi.

Auf dem Weg weg vom schwierigen Durcheinander der guten Absichten der Berlin Biennale wurde Avi durch die Schaufenster der Galerie EIGEN+ART von den Kollagen einer Namensvetterin des eher wortkargen Ermittlers angezogen: Birgit Brenner.

Auch bei ihr gibt es typisch Brennersätze, wie die Deutsche Bank Brigitte Werneburg in ihrem db-artmag erklären lässt: “In ihren raumgreifenden Arbeiten kombiniert Birgit Brenner Holzlatten, Styropor und billigePappschilder mit lakonischen Texten. Private Dramen transformiert die Meisterschülerin von Rebecca Horn in ebenso lakonische wie präzise Bestandsaufnahmen gesellschaftlicher Zustände. [...] Soll von Birgit Brenner und ihrer Kunst die Rede sein, muss man mit einem typischen Brenner-Satz beginnen. Es führt kein Weg daran vorbei. Die Schärfe, ja geradezu die Gemeinheit, mit der so ein Brenner-Satz unsere gedanklichen Alltagsmontagen aufspießt, ist ein zentraler [sic!] Moment ihres Werks. Ein typischer Brenner-Satz geht so: ‘Sie beten jeden Tag. Dafür, dass sie gesund bleiben und dass das Auto fährt.’”

In der aktuellen Ausstellung sind es Texte als Bildbestandteile wie “Tot, aber es passiert nichts” oder “14.08.2017. So war das”, die die Werke zusammenhalten. Hier anzusehen. “Das Dasein des Lebens in seinen alltäglichen Zuständen” sagt – nicht verkehrt – der Begleittext der Galerie.

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Freitag, 11. Mai 2012

Wie um sich an den auf die Arbeit im Inneren des Kopfes und ihre Wechselwirkungen mit der Außenwelt in der Sphäre des Textes abzielenden Beobachtungen des Rainald Goetz wiederum abzuarbeiten, bemüht sich derzeit die betuliche Tante ZEIT um Gedanken und Einsichten zum Thema Sprache und Sprachentwicklung – und erhebt Forderungen, wie sie vor Verarmung zu schützen seien. Offeriert wird eine groß angelegte Deutsch-Stilkunde, die anhand von Beispielhaftem aus der Feder großer Meister den Blick für Einsatz und Umgang mit sprachlichen Gebilden schärfen soll. Unterrichtsstunden für die Leserschaft.

Nur schade, dass gleich im Einleitungstext schon klar wird, worum es geht: reflexhafte Abwehr von Übergriffen des Fremden, Verstümmelten und Nichtverstandenen. “Vier Entwicklungen vor allem [!] müssen [!!] jedem Freund der Sprache [!] Sorgen machen”, nämlich erstens – logisch – Wortschwund und Wortverfälschungen; zweitens: “Mail, Blog, Tweet, Chat” und überhaupt das Internet, die in ihrer geballten Gesamtheit “die Zahl der geschriebenen Wörter” dramatisch vermehren (und dabei schon keine Zusammenhänge aus Worten mehr bilden), die Sorgfalt im Umgang mit ihnen aber dramatisch einschränken; drittens – jetzt wird das ganze erwartungsgemäß ortsüblich reaktionär – der “Siegeszug der Unsinnigen unter den Anglizismen”; und viertens – last not least und die gefährlichste aller Bedrohungen – das “Kiezdeutsch”.

Sicherlich richtig ist, dass die Sprache als übersubjektiver Gesamtzusammenhang nicht sich selbst entwickelt, sondern im ständig statthabenden Vollzug entwickelt wird: “mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – [und von mir aus] manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt.” Also los geht es: Bitte alle ab sofort verantwortungsvoll mitentwickeln, die ZEIT turnt vor.

Aber egal, wie erlesen die Beispiele sein mögen, die zur Schulung des Auges und des Geistes an Meisterlichem dann im Einzelnen angeboten werden: Zweiundvierzig Jahre nach der Vertreibung des Autors von seiner Position im Diskurs derartig bieder an “Prozeduren der Ausschließung” (Foucault) zu arbeiten, wirkt doch sowohl hilflos als auch verstaubt. Schule eben, Frontalunterrichtssystem.

 

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Donnerstag, 10. Mai 2012

“Hallo Berlin, hier spricht der 10. Mai 2012!”

Antrittsvorlesung Rainald Goetz zur Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik. Wie zu erwarten war, ist der Hörsaal 1b in der Habelschwerdter Allee um kurz vor sechs gut gefüllt. Und selbstverständlich lässt es sich der Autor nicht nehmen, den Titel seines Vortrags, unterbrochen von vielen begutachtenden Verrenkungen – drei Schritte zurück, Abstand gewinnen, Kopf schieflegen und kratzen, drei Schritte wieder vor, zwei neue Buchstaben gemalt usw. – in einer Eingangsperformance in weißer Kreide auf grünen Tafelhintergrund aufzubringen:

leben und schreiben
der existenzauftrag der schrift
*

In konzis und konzentriert vorgetragenen Auslassungen in zwölf Kapiteln berichtet der in der Vorstellung vor allem für Frühwerk, Sofortismus und als dabei seiend am Rande Stehender gewürdigte Goetz aus seiner Schreib-, Lese-, Welt-, Sozial- und Schriftpraxis. Erzählt von der Reibung zwischen der ständigen eigenen inneren gedanklichen Hektik und der Nichtwachheit der ihn bereits im morgendlichen Straßenverkehr umgebenden Anderen, die über Gehässigkeit zur Heiterkeit der Differenz führe; von Sätzen, die denken wollen und nicht schauen; von seinem Dämon, der allein sein will und nie mehr schreiben (was sowohl das Soziale als auch die Schrift vergällt); von der Notwendigkeit der Weltkenntniserweiterung; und vom Schreiben, das immer schon Veröffentlichen heißt.

Textpraxis: Jeden Tag das lesen, was man geschrieben hat. Dem eigenen Text als Leser gegenüber treten: Was steht da? Was heißt das? Was sollte es heißen? Die Differenz von Schrift und Gedanken und den Eigensinn der textlichen Verbalität erfahren, die Distanz zwischen Aussageabsicht und dem von der Schrift tatsächlich Ausgesagtem.

Wichtig sei zu lesen. Immer. Alles. Oder fast alles, denn vorsicht: Das Sprachgefühl ist sehr verletzlich. Und die Essenz der Schrift jedenfalls: wie selten das Schreiben gelingt.

Womit er zu seiner Aufgabe im Rahmen der Gastprofessur kommt: Nachwuchsschriftstellern Hilfestellung beim Schreiben zu geben, was natürlich Unsinn sei. Schon weil es Nachwuchsschriftsteller gar nicht geben könne, genausowenig wie Literaturlehrer. Denn Schriftsteller sein heißt immer, an der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Weltdifferenzeinstellung und ihren Folgeproblemen sich abarbeiten. Und das geht nur im eigenen Kopf.

Fazit also: “Interessant: Die meisten Texte sind Mist! Schwach, schlecht, unbrauchbar. Warum? Ich weiß es nicht.” Und: “Der schlechte Text ist nicht verbesserbar”, darüber hinaus der Kopf keine Werkstatt und Literatur kein Handwerk. Die frohe Botschaft der Literatur lautet hingegen: Mitgefühl. Und schon sind 45 durchaus erbauliche Minuten vorbei.

In dem Zusammenhang bei YouTube anzuschauen: Goetz bei Schmidt 2010 mit “loslabern”. Da ist man sich unter anderem einig, dass “Infinite Jest” unlesbar und ein wirklich schlechtes Buch sei – auch wenn man das natürlich nicht sagen dürfe, weil im Feuilleton anders entschieden worden sei.

 

 

hauptgebäude

Geht es hier zur Schreibwerkstatt von Rainald Goetz? Unsinn. (c) H. Heiland

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wilde kerle

 

Mittwoch, 9. Mai 2012

Mit seinem 1963 erschienen Buch “Where the Wild Things Are” hat er wahrscheinlich Kindheiten der westlichen Hemisphäre geprägt wie wenige andere. Zumindest wäre das zu hoffen, geht es doch um Wildheit, eigensinniges Beharren, die Kraft der Phantasie, das Lachen über alles Schreckliche und Verdrängte, das Sich-Stellen und Austoben und das Vertrauen auf eine Rückkehr dahin, wo das Essen noch warm ist und auf einen wartet.

Andererseits müsste eine Welt, die von diesem Buch geprägt ist, vielleicht doch ein klein wenig anders aussehen. Gestern jedenfalls ist auch Maurice Sendak gestorben, 83-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls.

Eigensinn. Pünktlich zum Tag der Befreiung (nach russischer Zeitrechnung) gibt es endlich ein neues Echtzeitportrait: Uta mit Winkekatze

Und … ach ja … Alles neu macht der Mai. Klar, dass weltwundern.net sich dem nicht entziehen kann. Mal schauen, welche Anpassungsnotstände das nach sich zieht …

 

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Sonntag, 6. Mai 2012

Vorgestern ist Adam “MCA” Yauch von den Beastie Boys gestorben. Mit 47 Jahren und an einer Krebserkrankung, wie zu hören und zu lesen ist. Eine ausführliche Würdigung gibt es auf pitchfork, ebenso eine umfangreiche Materialsammlung. Auch ohne der größte Fan gewesen zu sein, springen einen – besonders in den trashigen frühen Videos – Ideenreichtum und Lust am Machen geradezu körperlich an. So sieht das aus, wenn Begeisterung von Körpern und Mimiken Besitz ergreift. Und wie immer fragt man sich sofort, ob Ähnliches heute eigentlich noch möglich ist … Jedenfalls ergibt sich eine Leerstelle mehr.

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Donnerstag, 3. Mai 2012

In der Agentur brennt die Luft. Immer. Wer auf Stipvisite vorbeikommt, zum Beispiel um ein Briefing abzuholen, wird verwundert begutachtet, wie gesund er aussieht. Liegt vielleicht am Laufen. Oder an der Hoffnung, dass Arbeit eben doch anders funktionieren kann. Aber auch in mindestens jeder zweiten Mail aus Verlagen oder Anstalten heißt es: “Alles weitere demnächst, bin schon wieder im Stressss!”

Ob die Digitalisierung von allen Lebensaspekten hier weiterhelfen kann, diskutieren derzeit Netz-etc.-Aktivisten auf der re:publica 2012. Was das elektronische Publizieren betrifft, gehen die Meinungen jedenfalls auseinander. Zusammengefasst findet man die wesentlichen Ergebnisse im netzdebatte-Blog der bpb.

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Montag, 30. April 2012

Es tut sich was – und das am Brückentag zum Tag der Arbeit (also für die, die abhängig beschäftigt sind und das Glück haben, sich heute einen freien Tag gönnen zu dürfen). Nach einigem Hin und Her stehen jetzt tatsächlich der Rattenbau und die Krise als eBooks über Amazon zur Verfügung. Wer weiß, was es bringen wird. Immerhin hat es schon für einige Aufregung und Nachtschichten gesorgt, weil das Kindle-Format nicht unbedingt gewillt schien, mit meinen Daten zu kooperieren.

Zumindes im Rattenbau gibt es daher mit Sicherheit noch den einen oder anderen Umbruch, der sich dem geforderten Formwillen nicht wirklich anzupassen bereit ist. Aber das spiegelt vielleicht nicht ganz zu unrecht das Unfertige des Manuskripts wieder, das als Zeugnis einer wilderen, manischen Zeit gelesen werden sollte und von daher auch nicht noch einmal überarbeitet worden ist.

 

Im Rattenbau

Bei der Krise geht selbstverständlich ein besonderer Dank an Cornelia Morgenstern, Claudia Angelmaier und Pekka Hofmann, die das Projekt über Jahre unterstützt, probegelesen und lektoriert haben. Thank you!

 

Die Krise

 

 

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