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Es hatte am frühen Abend zu schneien begonnen, und jetzt fielen die Flocken gleichmäßig und dicht. Bald würde der Garten unter einer wattigweißen Decke verborgen sein. Von drinnen hörte Reza eines der Kinder losplärren, aber das Geschrei wurde durchs Verbundglas der Balkontür angenehm gedämpft. Wenn er ausatmete, hing die Feuchtigkeit noch Sekunden sichtbar vor der Dunkelheit des Winters. Er spürte, dass Verena ihn musterte. Als er den Kopf in ihre Richtung wandte, trafen sich für einen Moment ihre Blicke. Dann schlugen beide die Augen nieder.
Komm. Lass uns wieder rein gehen, wird langsam bisschen kalt.
Okay. Gehen wir mal wieder, was?
Ja. Timmi und Sofia sind schon ganz aufgeregt.
Dann sollten wir sie nicht länger warten lassen.
Nein, sollten wir nicht.
Sie machte einen Schritt auf das Haus zu, hielt inne, drehte sich wieder zu Reza um und streckte die Hand nach ihm aus. Er brauchte einen Moment. Dann schloss mit einem Schritt zu ihr auf.

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Bens Stimme versiegte an ihrem Ohr. Von der plötzlichen Stille aufgeschreckt, wandte Annika den Kopf in seine Richtung; versuchte ein Lächeln und merkte, wie sie rot wurde.

Andere Städte, andere Sitten, probierte sie auf gut Glück, erkannte aber an der Art, in der Bens Gesicht einfror, dass sie den Ton nicht getroffen hatte.

Ben lehnte sich zurück. Die Lippen fest zusammengepresst betrachtete er sie mit einem Stirnrunzeln.

Hast du mir überhaupt zugehört?

Hatte sie nicht. Also zunächst schon. Aber dann waren ihre Gedanken, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können, zu Paul abgewandert und dem, was er noch vor wenigen Stunden mit ihr angestellt hatte. Dabei wollte sie nicht über ihn nachdenken, weil sie wusste, dass das keinen Sinn hatte. Lieber wollte sie zu ihm gehen und da weitermachen, wo sie zuletzt aufgehört hatten.

Äh, ich glaub, ich brauch noch einen Kaffee, sagte sie.

Ben seufzte, sah sich dann aber nach der Kellnerin um und winkte ihr. Er war ein guter Typ, dachte Annika, derjenige von ihren Freunden, zu dem sie auf gewisse Art immer aufgeschaut hatte. Weil da etwas an ihm war, eine durchaus attraktive Rigorosität in seiner Einstellung gegenüber der Welt, die ihn hervorhob aus der Menge der prinzipiell Gleichgeschalteten. Kurz vor Weihnachten war er in eine neue Stadt gezogen; jetzt war Annika zum ersten Mal für einige Tage bei ihm zu Besuch. Und hatte sich gleich am zweiten Abend in einen fünfzehn Jahre älteren Fotografen verliebt. So etwas passierte. Ben bestellte den Kaffee und sprach über anderes. Wenig später zahlte er, und sie traten auf die Straße, in der die Gesichter im Licht der ersten Sonne ihre Winterhärte verloren hatten. Den Schlagzeilen zum Trotz erwachte auch in diesem Jahr das Leben und stellte seine Forderungen. Sie verabschiedeten sich für den Tag, und als Annika eine knappe Woche später zurück in Bens Wohnung kam, um ihre Sachen zu holen, war er nicht da. Auch telefonisch erreichte sie ihn nicht. Sie sahen sich nie wieder.

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“Nicht wenigstens zu ahnen, was aus einem System der Ausbeutung wird, wenn alles ausgeplündert ist, was auszuplündern war, bedarf es schon eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre.”  So Hermann L. Gremliza in Kriegsbewegung, dem Leitartikel der aktuellen konkret.

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Das leere Zentrum der Vernunft – und nicht etwa ihr Schlaf – gebiert die durch und durch rationalen Monstren von Menschenhandel, Folter und Rackets aller Orten. Besonders drastisch ist das seit Jahren in Mexiko zu besichtigen, das in Teilen mehr und mehr einer Splatter-Phantasie Tarantinos zu gleichen scheint.

Wer sich mit der Tendenz der Berichterstattung, jeden neuen Mord wie eh und je unter der Rubrik “Drogenkrieg” zu verbuchen und ihn so zu den Obskuritäten-Akten aus einer fernen und unverständlichen Welt zu legen, nicht zufrieden geben will, kann den gewaltätig aktuellen Stand der Dinge in Antonio Ortuños wuchtigem Roman “Die Verbrannten” nachlesen. Darin erfährt die Protagonistin das Zusammenspiel von Bandenkriminalität, staatlichen Akteuren und zu massenhaft verfügbarer Ware entmenschlichten Migranten auf verschiedenen Ebenen hautnah, womit nicht nur ihr, sondern auch der Leserin und dem Leser einiges zugemutet wird.

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… hieß ein Wandgemälde von Ronald Paris im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Jetzt plant die “Initiative Haus der Statistik” unter dem vergleichsweise nüchternen Motto “Zivilgesellschaft gestaltet Stadt” die Um- und Weiternutzung der ca. 40.000 Quadratmeter Nettofläche.

Entstehen soll eine Mischnutzung: Wohnen für Geflüchtete, Studierende, Senioren und andere plus Arbeitsräume für geflüchtete und Berliner Künstler und Kulturschaffende; dazu sind Bildungs- und Integrationsprojekte sowie Veranstaltungsräume geplant. Die Betonskelettarchitektur lässt die notwendigen Umbaumaßnahmen nachweislich problemlos zu. Unterkünfte für bis zu dreitausend Geflüchtete könnten relativ zeitnah bereitgestellt werden. Wohnraum für Einkommensschwache, günstige Ateliers und Projekträume entstünden mitten im Stadtzentrum.

So würde nicht nur eine beispielhafte Antwort auf brennende stadtentwicklungspolitische Fragen gegeben, sondern auch ein Ort im Zentrum einer Metropole geschaffen, der an die Freiheiten des Berlin der neunziger Jahre anknüpft und in dieser Größenordnung weltweit einzigartig und Präzedenzfall wäre. Ein riesiges Areal im Herzen der Stadt würde Kommerzialisierung, Gentrifizierung und Uniformität ohne größere Kämpfe entzogen.

Mit im Boot sind von der Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser und dem Zentrum für Kunst und Urbanistik über den Atelierbauftragten Berlin, die Initiative Stadt Neudenken oder die Stiftung Zukunft Berlin auch der Bezirksbürgermeister von Mitte, Dr. Christian Hanke, der Kulturstaatssekretär Tim Renner (so heißt es wenig überraschend) und die BVV Mitte.

Da wäre es, die normalen Berliner Verhältnisse in Betracht gezogen, doch gelacht, wenn sich nicht plötzlich irgendein Player – Senat oder BImA wären vorstellbar – querstellte, um beispielweise einem Verwaltungskomplex den Vorzug zu geben. Aber vielleicht sind die Zeiten so normal ja gerade nicht.

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Paul zündete sich eine Zigarette an. Es war ein Abend im Kulturbetrieb zwischen mit Weingläsern und Bierflaschen bewaffneten Menschen. Großformatige Fotografie hing an den Wänden, im Foyer legte ein DJ auf. Vor der Tür, wo er mit mehreren anderen zum Rauchen stand, wehte der Wind bereits herbstlich. Rivka war seit einer Woche in Tel Aviv bei ihrer Tante. Seit sie weg war, fühlte Paul sich überraschend verloren. Kam nicht zum Arbeiten, war von Unruhe getrieben, musste unter Leute. Rausgehen. Sehen, was die Kollegen machten und die Kunst. Die Kultur im Großen und Ganzen. Die Stadt. Leben.

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Alles war in Bewegung: Blätter, Zweige, Äste, Stämme, Rehe, Hochsitze, ein Förster mit doppelläufiger Flinte, eine Autobahn, Laster, PKW, Wiesen, Gewerbegebiete, ein Bahnhof, Klinkerfassadenhäuser, Backsteinbauten, Fitnesscenter, Bäcker, ein Kiosk mit Schlagzeilen der Boulevardpresse, die ein entschiedenes Nein zu irgendetwas forderte, das auf die Entfernung nicht zu lesen war, türkische oder kurdische oder arabische Familien, Singles, Einfamilienhäuser in Siedlungen und Mehrfamilienhäuser an Verbindungsstraßen, kleine Villen in verkehrsberuhigten Wohngebieten, Kreisel, Sportwagen, Lieferwagen, SUVs, Hundespaziergänger in Mänteln, wieder Wald, aufgeschichtete Baumstämme, Überlandleitungen, ein Ausflugslokal, ein Turm, halb verwittert, nochmals Rehe, Hasen, Radfahrer, Nordic-Walker, ein Trafohäuschen, Bänke, begradigte Bachläufe, ein Fluss, Industrieanlagen am Horizont, Ställe, Parkanlagen, der nächste Bahnhof, an dem sie nicht hielten, Reisende auf Bahnsteigen, Kinder, die Ball spielten, Gerümpel in engen Hinterhöfen, ein Schäferhund in einem Zwinger, Schrebergärten, eine Reichskriegsflagge, mehrere Deutschlandfahnen, Baracken, Garagen, Brachflächen mit Abfall, Baustellenschilder, Baustellenfahrzeuge, Baugruben, aufgerissener Untergrund, eine Erschließungsstraße mit hohen Laternen im Nichts, Wiesen, Hecken, Gärten, Ruderboote auf einem Tümpel, wieder Wald, Tannen und Laubbäume, die letzte gelb-braune Blätter trugen, Wald, der dichter an die Gleise heranrückte und das Licht nahm, bis er wieder zurücktrat, Wiesen, Felder, ein Traktor, Stromleitungen, Gleisanlagen, Signale, Plakatflächen, Straßen, Verkehr, Vororte, ein mittelstädtisches Zentrum mit Kirche und herausgeputzter Fußgängerzone, ein Festplatz mit Bierzelt, im Auf- oder Abbau, Bauarbeiter, die Metallstreben durch die Gegend trugen, während andere bereits beim Bier saßen, eine Bahnhofshalle mit Werbebannern, Uhren, Anzeigetafeln, Sammelstellen für verschiedene Sorten von Müll, Wagenstandanzeiger, die von aufgeregt diskutierenden Reisegruppen belagert wurden, junge muskulöse Männer mit Sporttaschen, ihr Smartphone studierend, Frauen mit langen Haaren, Trenchcoats und Rollkoffern, ver.di-Aktivisten in orangefarbenen Westen, Omas, die den Krieg noch erlebt hatten oder wenigstens die Jahre des Wiederaufbaus, Polizisten in blauer Montur, eine Kundgebung auf einem kleinen Platz, Aktivistinnen in Parkas, Schilder auf denen „Keine Tier KZs“ zu lesen war, weniger herausgeputzte Straßenzüge, vor Toreinfahrten abgeladener Sperrmüll, Matratzen, Schränke, über den Gehweg verteiltes Geschirr, ein Bolzplatz hinter Maschendraht, Eckkneipen, ein geräumtes Kaufhaus, ein Kran mit einer Abrissbirne, Bagger, Ausfallstraßen, wieder Vororte, ein Autobahnzubringer, Stau auf einer langgezogenen Autobahnbrücke, ein von vollen Parkplatzflächen umgebenes Einkaufszentrum, Tankstellen, Supermärkte, Baumärkte, mehr Parkplätze, mehr Zubringer, abgeerntete Felder, dann wieder Wald, parallel zur Autobahn. Alles kam links ins Bild und war jetzt bei voller Fahrt gleich wieder nach rechts verschwunden.

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